Carla Richter (Name geändert) mag ihren Job, auch wenn der anstrengend ist. Als Altenpflegehelferin arbeitet sie in der Lausitz bei einem privaten Träger. Sie ist an Sonn- und Feiertagen im Dienst, hilft außerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit bei Veranstaltungen im Heim. Rund acht Euro pro Stunde beträgt ihr Grundlohn.

Gerecht bezahlt fühlt sich Carla Richter für die Arbeit in der Altenpflege nicht. Einige ihrer Kolleginnen, die Kinder zu versorgen haben, müssten sich als „Aufstocker“ Geld vom Amt holen. „Was wir verdienen, ist zu wenig“, so ihr Fazit.

Zum ersten Juli soll ein kürzlich ausgehandelter Mindestlohn für Pflegehilfskräfte verbindlich werden: 7,50 Euro pro Stunde im Osten und 8,50 Euro im Westen. Carla Richter liegt 50 Cent über dem künftigen Ost-Mindestlohn für Hilfskräfte.

Wie viele in der Region überhaupt durch die neuen Mindestsätze mehr Geld in der Tasche haben werden, ist ungewiss. Denn die Trägerlandschaft ist bunt gemischt. Einen Flächentarifvertrag gibt es nicht, weder für Helfer noch für Fachkräfte. Nach RUNDSCHAU-Recherchen kommen ausgebildete Fachkräfte in Sachsen und Brandenburg je nach Dienstalter und Heimbetreiber auf Grundlöhne von etwa zehn bis vierzehn Euro pro Stunde. Für vergleichbare Arbeitskräfte heißt das bis zu 500 Euro Unterschied im Bruttolohn.

Neben Wohlfahrtsverbänden, die in Sachsen und Brandenburg etwa die Hälfte der Altenheime betreiben, sind private Träger und kirchliche Einrichtungen in dieser Branche aktiv. Es gibt Haustarifverträge, kircheninterne Bezahlungsregeln, Einzelvereinbarungen mit Betriebsräten. Vergleichbar sind die Bezahlungssysteme nur schwer. Jeder Anbieter hat andere Zuschläge und Lohnstrukturen.

Von der Bezahlung von Pflegekräften in Einrichtungen des öffentlichen Dienstes (TVÖD), an der sich die Gewerkschaft orientiert, sind all diese Regelungen jedoch deutlich entfernt. „Die Löhne liegen bis zu 20 Prozent darunter“, so Meike Jäger, Landesfachbereichsleiterin bei der Gewerkschaft verdi Berlin/Brandenburg. Bei 30 Prozent weniger als der TVÖD vorsieht, beginne jedoch erst die „Sittenwidrigkeit“. Jäger versichert, dass es Träger gebe, die für Pflegehilfskräfte bisher weniger als die jetzt für den Osten vereinbarten 7,50 Euro pro Stunde zahlten.

Herbert Maul, Geschäftsführer des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa), antwortet auf die Frage nach Löhnen unter dieser Marke diplomatisch: „Das sollte nicht so sein.“ An einem Flächentarifvertrag für die ganze Branche hat sein Verband mit etwa 6500 Mitgliedsbetrieben jedoch kein Interesse: „Das kann man besser mit den Belegschaften vor Ort verhandeln.“

Auch Christiane Ceglarek, Geschäftsführerin des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), Regionalverband Cottbus/Niederlausitz, will lieber „Gestaltungsspielraum“ statt Flächentarif: „Da geht es um Urlaub, bezahlte Weiterbildung und Ähnliches.“ Pflegehilfskräfte würden beim ASB schon jetzt mindestens 7,50 Euro pro Stunde verdienen, mit Funktionszulagen bis neun Euro.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat mit der Gewerkschaft verdi in Brandenburg für einen Teil ihrer Kreis- und Ortsverbände einen Tarif vereinbart. Der soll auf das ganze Land ausgedehnt werden, sagt Jens Lehmann, Geschäftsführer des Regionalverbandes Süd. Zu Details dieses Tarifes, der für seinen Regionalverband schon gilt, will sich Lehmann nur sehr allgemein äußern: „Wir liegen im Vergleich mit Wettbewerbern im oberen Drittel.“

Bei der Diakonie in Sachsen vermutet Direktor Christian Schönfeld sogar, im Gehaltsvergleich „im Spitzenfeld“ zu landen. „Wir zahlen auch bei Hilfskräften mehr als 7,50 Euro.“ Schönfeld und AWO-Regionalchef Lehmann sind sich jedoch einig, dass die Pflegebranche insgesamt nicht gut bezahlt. „Wenn man sieht, was da geleistet wird, dann ist es zu wenig“, sagt Diakonie-Direktor Schönfeld.

Das Lohnniveau entwickele sich zunehmend zum Problem für die notwendige Personalverjüngung. Der Job sei für junge Leute nicht attraktiv. Wer die Ausbildung absolviert, gehe danach oft in den Westen, wo bei besseren Arbeitsbedingungen am Monatsende mehr Geld in der Tasche landet. Das bestätigen verschiedene Altenheimbetreiber sowie die Landesfachbereichsleiterin bei verdi Berlin/Brandenburg, Meike Jäger. „Es gibt in Brandenburg immer mehr Probleme, qualifiziertes Personal zu finden, das bereit ist, für das Geld, das hier gezahlt wird, zu arbeiten“, so Jäger.

Derzeit arbeiten bundesweit rund 900 000 Beschäftigte in der Pflege. In 20 Jahren werden nach demoskopischen Hochrechnungen doppelt so viele gebraucht.

Einen Ausweg aus der zunehmenden Fachkräftenot sieht Meike Jäger darin, dass die verschiedenen Träger sich mal an einen Tisch setzen. „Die müssen sich einigen, was eine vernünftige Bezahlung ist.“ Dann würde das auch gegenfinanziert, ist sie sich sicher. Höhere Löhne in Pflegeheimen würden jedoch die Heimkosten erhöhen und damit die Zahl der Menschen, bei denen Rente und Pflegegeld zur Bezahlung des Heimplatzes nicht reichen. Die Differenz müssen die Kommunen tragen.
Mindestlohn für Pflegehilfskräfte:
Für die rund 800 000 Beschäftigten in Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten soll am 1. Juli ein Mindestlohn für Hilfskräfte von 7,50 Euro (Ost) beziehungsweise 8,50 Euro (West) gelten. 2012 und 2013 sollen die Sätze jeweils um weitere 25 Cent angehoben werden. Das ist das Ergebnis von sechsmonatigen Verhandlungen der Pflegekommission beim Bundesarbeitsministerium. Das Bundeskabinett muss die Ende März erzielte Einigung noch bestätigen. Die Dienstleistungsgewerkschaft verdi geht davon aus, dass bundesweit „einige 10 000“ Pflegehilfskräfte durch die Regelung eine Einkommenserhöhung bekommen.