"Wir kriegen nur sporadisch alle paar Wochen einige Packungen", sagt das Vorstandmitglied vom Hausärzteverband Brandenburg.

Neben Säuglingen und Kleinkindern sind ältere Menschen bei einer Pneumokokkeninfektion besonders gefährdet, daher empfiehlt die Ständige Impfkommission allen Erwachsenen ab einem Alter von 60 Jahren eine Impfung. "Im Schnitt müssen meine Patienten aktuell aber zwei Monate auf diese Impfung warten", so die Medizinerin. Laut Paul-Ehrlich-Institut soll der Impfstoff voraussichtlich im Juni wieder verfügbar sein.

Lieferprobleme bei Impfstoffen sind für die erfahrene Ärztin keine Ausnahme, sondern Alltag. "Mit diesem Phänomen haben wir bei verschiedenen Wirkstoffen seit vielen Jahren immer wieder zu kämpfen", sagt Astrid Tributh.

Tatsächlich ist die Liste der Lieferengpässe von Humanimpfstoffen, die das Paul-Ehrlich-Institut auf seiner Webseite pflegt, auch derzeit nicht gerade knapp. "In meiner Praxis macht sich der Engpass weiterhin bei den Vierfachkombinationsimpfstoffen gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten und Polio bemerkbar", verrät das Vorstandsmitglied vom Hausärzteverband Brandenburg. "Für die Auffrischung muss ich mir dann mit der Dreifachimpfkombination ohne Polio behelfen." Auch hier erwartet Astrid Tributh erst im Herbst eine Entspannung der Lage.

Aber nicht nur bei der Impfung von Erwachsenen gibt es Probleme. Das Paul-Ehrlich-Institut räumt weiterhin ein, dass die Grundimmunisierung von Säuglingen und Kleinkindern derzeit erschwert sei. Die Standard-Fünffachimpfstoffe Infanrix-IPV+Hib, Pentavac sowie Infanrix sind aktuell nicht lieferbar. Allerdings stünden Impfoptionen zur Verfügung.

Auch in Cottbus kennen die Apotheken dieses Problem. "Repevax, ein Vierfachwirkstoff zur Grundimmunisierung, war das gesamte vergangene Jahr nicht lieferbar und ist es bis heute nicht", sagt Apothekerin Sabrina Kühn. In diesem Fall wissen selbst die Experten vom Paul-Ehrlich-Institut nicht, wann der Stoff wieder verfügbar ist. "Es gibt keine richtige Alternative. Viele Eltern schieben die Impfung daher auf", weiß die Leiterin der Apotheke am Goethepark. Lieferbar seien lediglich Dreifachimpfungen und die decken nicht alles ab.

Während die Sommerferien langsam in Sicht kommen, gibt es auch bei Reise- und Indikationsimpfstoffen Engpässe. So sind für Hepatitis A und Typhus sowie Tollwut Lieferengpässe gemeldet - in beiden Fällen gibt es allerdings einen Alternativimpfstoff.

"Jeder Lieferengpass hat eigene Gründe, die nur der jeweilige Hersteller erklären kann", sagt Andreas Aumann, stellvertretender Pressesprecher beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Ein Hauptgrund für mögliche Lieferschwierigkeiten sei allerdings die weltweite Konzentration der Wirkstoffproduktion: "Dies ist dem globalen Kostendruck im Gesundheitswesen geschuldet. Zugleich steigt die weltweite Nachfrage nach Medikamenten."

Oftmals entstehen Lieferprobleme aber auch durch einen Mehrbedarf nach einer Änderung in der Impfempfehlung. "So wurde die Pneumokokkenimpfung erst im August 2015 in den Impfkalender von Säuglingen aufgenommen", weiß Astrid Tributh. Die Produktion von Impfstoffen ist aber komplex und zeitaufwendig. Die Präparate können nicht eben über Nacht produziert werden. Die Impfhersteller kalkulieren den Bedarf bereits Jahre im Voraus. "Sie können nicht auf akuten Mehrbedarf eingehen und brauchen mehrere Jahre, bis die Produktion richtig in Gang kommt", erklärt die Hausärztin. "Von der Produktion bis zur Freigabe einer Charge braucht es mindestens zwei Jahre", ergänzt Apothekerin Sabrina Kühn

Als weiteren Grund für die Lieferprobleme führt der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie die hohen Sicherheitsstandards an. "Bei dem kleinsten Verdacht auf eine Verunreinigung, wird beispielsweise aus Sicherheitsgründen die Produktion und Auslieferung angehalten", so An dreas Aumann. "Lieferengpässe sind gewissermaßen der Preis für das hohe Sicherheitsniveau."

Weiterhin seien die Rabattverträge, die die gesetzlichen Krankenkassen mit den Herstellern haben, ein Problem. Mit wenigen Anbietern steige nämlich auch das Risiko, dass Lieferungen sich verzögern oder ausfallen. "Die Regierung hat deshalb reagiert und die Ausschreibungen für Impfstoffe abgeschafft. Das ist ein wichtiger Schritt zur Verhinderung künftiger Impfstofflieferengpässe", sagt Andreas Auman.

Die Landesapothekerkammer Brandenburg sieht aber auch damit nicht alle Probleme gelöst. "Aufgrund der vielseitigen Ursachen für Lieferengpässe wird es auch in Zukunft keine Garantie geben, diese zu verhindern", sagt Sprecherin Julia Bang. "Die Apotheken machen aber bereits jetzt Handstände, um die Versorgung sicher zu stellen. Es wäre zumindest überlegenswert, eine staatliche Reserve anzulegen."

Zum Thema:
Die Ständige Impfkommission (Stiko) ist ein Expertengremium am Robert-Koch-Institut in Berlin. Die Stiko bewertet im Auftrag des Bundes Impfungen anhand von wissenschaftlichen und klinischen Daten und spricht die Empfehlungen für Schutzimpfungen aus.Nach Angaben des Deutsches Grünen Kreuzes (DGK) sollten alle Personen über einen ausreichenden Impfschutz verfügen. Dies gilt besonders auf Reisen. Dazu gehört eine vollständige Grundimmunisierung, die bereits im Säuglingsalter mit Mehrfachimpfungen beginnen sollte. Jeder Erwachsene in Deutschland sollte in seinem Leben mindestens dreimal gegen Diphtherie, Tetanus und Poliomyelitis geimpft worden sein. Der Impfschutz gegen Diphtherie und Tetanus muss alle zehn Jahre aufgefrischt werden, gegen Polio sollte mindestens eine Auffrischimpfung gegeben worden sein. Außerdem ist empfohlen, mit der nächsten fälligen Impfung gegen Diphtherie und Tetanus auch eine Keuchhustenimpfung zu geben (Kombinationsimpfstoff). Während der vergangenen Jahre wurde die Notwendigkeit von regelmäßigen Impfungen und Auffrischungen bei Kindern immer wieder betont, der Impfschutz bei Erwachsenen hingegen oft vernachlässigt. In Deutschland werden nach DGK-Angaben routinemäßig folgende Impfungen für Erwachsene empfohlen: Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Poliomyelitis (Kinderlähmung), Pertussis (Keuchhusten), Masern, Mumps und Röteln (für alle nach 1970 Geborenen) Für alle ab 60 Jahre gilt zudem die Empfehlung einer Influenza-Schutzimpfung gegen Grippe und die Vorsorge vor Pneumokokkeninfektionen. In einigen Bundesländern wird eine FSME-Schutzimpfung empfohlen. Dazu werden Risikogebiete mit den Zecken-Aktivitäten definiert. Zudem gibt es nach DGK-Angaben spezielle Hinweise zur Vorsorge von bestimmten Berufsgruppen.Der Impfkalender der Stiko im Internet: www.rki.de