Doch viele Reisende in der Region verstehen nur Bahnhof, sind verunsichert oder verärgert.
„Ich fahre selten Zug“ , sagt zum Beispiel eine alte Dame, die in einer Senioren-Gruppe an einem Cottbuser Bahnsteig-Aufgang steht. „Mit dem neuen Preissystem habe ich mich noch gar nicht beschäftigt.“ Mitreisende um sie herum nicken bestätigend.
Ob in Guben, Cottbus oder anderorts in der Region: An den Fahrkartenschaltern bilden sich lange Schlangen, suchen Kunden Antworten auf die Frage: Was bringt mir die „größte Bahnreform der vergangenen 160 Jahre“ , wie Bahnchef Hartmut Mehdorn das neue Konzept angekündigt hatte.
Das Service-Personal müht sich nach Kräften, den Kunden das neue Preissystem zu verkaufen. Auf den Cottbuser Bahnsteigen hat die Bahn zusätzlich Mitarbeiter postiert. Sogar ein Gleisarbeiter im orangefarbenen Overall scheint an einen der Fahrkarten-Automaten abgeordnet worden zu sein. Irmgard Schneider, Sprecherin der Bahngewerkschaft Transnet in Guben, bricht für das Engagement ihrer Kollegen eine Lanze. „Es ist Wahnsinn, was bei uns vor allem die beiden Mitarbeiterinnen am Fahrkartenschalter gestern leisten mussten. Die Reisenden haben noch so viele Fragen.“
Durch das neue Rabatt-System sollen insbesondere Frühbucher, die lange Strecken fahren, belohnt werden. Zehn bis 40 Prozent des Normalpreises können sie sparen. Wer zu spät kommt oder spontan verreisen will, wird bestraft. Die Anzahl der Billig-Tickets ist begrenzt. Wer zum Beispiel aus Guben jetzt noch zum günstigsten Tarif über die Weihnachts-Feiertage weg will, geht leer aus.
Zwar bringt auch die neue Bahncard Verbesserungen für diejenigen Lausitzer, die zusätzlich das Netz des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg nutzen wollen. Dennoch haben sich viele wie Ina Gehler (25) noch schnell vor dem 15. Dezember mit der alten Bahncard, die ein Jahr lang gültig ist, eingedeckt. Auch für den Studenten Marco Gäbler ist das das preisgünstigste. Er pendelt täglich zwischen Forst und Cottbus, einmal die Woche nach Berlin und wieder zurück. „Das neue Rabatt-System bringt mir nichts“ , sagt er.
Viele Lausitzer schimpfen. „Für mich ist das teurer geworden“ , sagt Vielfahrerin Gerda Weinert, die regelmäßig nach Frankfurt (Oder) reist. Ein Berufspendler, der anonym bleiben will, klagt. „Für Pendler ist das neue System nichts. Wer verreist schon mit vier Kindern und kann dadurch den Mitfahrer-Rabatt nutzen.“ Und Margitta Sötzer (63) aus Hoyerswerda argwöhnt: „Den Leuten wird mal wieder das Geld aus der Tasche gezogen.“ Wenn es nur ein bestimmtes Kontingent an Billig-Fahrkarten gibt, „dann wird man wohl jedes Mal sagen, dass sie ausgerechnet heute leider schon ausverkauft sind“ .
Die Studentin Linda Webers hält das neue System indes für „prinzipiell nicht verkehrt“ . Da sie regelmäßig zwischen Dresden und Hoyerswerda verkehrt, kann sie ihr Ticket frühzeitig bestellen. „Wer spontan verreist, wird aber wohl weiterhin das Auto nehmen“ , sagt sie.
Der brandenburgische Bahn-Pressesprecher Andreas Fuhrmann ist überzeugt, dass das neue System ein Erfolg sein wird. „Wir haben schon vor dem 15. Dezember 1,5 Millionen Reisen zu den neuen Preisen verkauft“ , erklärt er. „Unsere ersten Erfahrungen sind positiv.“ Auch der Fahrplanwechsel sei am Sonntag ohne größere Probleme verlaufen.
Im Zuge dieser Fahrplanumstellung sind alle InterRegios durch so genannte InterCity-Züge ersetzt worden. Für Ina Gehler ist das ein Etikettenschwindel. „Die sind nur umgespritzt worden und fahren jetzt als teurere InterCity“ , sagt sie. „Das ist unverschämt.“
Bahnsprecher Fuhrmann bittet aber um Verständnis. „Wir werden die 1200 Wagen nach und nach im kommenden Jahr austauschen. Auf einen Schlag wäre das nicht gegangen.“