Hugo Melde isst mit besonderem Genuss. Der Biobauer hat die Hirse selbst angebaut, geerntet und an eine Mühle geliefert. Zubereitet mit Kraut bekommt er sie nun als schmackhaftes Gericht serviert. Meldes Felder, die Hirsemühle und das Gasthaus, in dem er sitzt und das seiner Tochter gehört, befinden sich in der Gemeinde Kolkwitz (Spree-Neiße). ,,Dieser regionale Kreislauf ist genau das, was ich will. So soll Ökolandbau sein."

Der 57-Jährige verfolgt ein hehres Ziel. Er will seine rund 250 Hektar Land nicht nur ohne Einsatz von Kunstdünger bearbeiten, bodenschonend mit alten regionaltypischen Getreidesorten. Der Landwirt will seine Erzeugnisse auch vor Ort verarbeiten und verkaufen.

Das klappt bisher nur bedingt. Die Hirse nimmt ihm die Mühle im nahen Krieschow, einem Ortsteil von Kolkwitz, ab. Der Müller vertreibt die Körner und Flocken über Bio-Großhändler und -verarbeiter. Seinen Leinen presst Melde seit zwei Jahren selbst und verkauft das Öl als Bio-Produkt in 100 Milliliter-Flaschen unter der Dachmarke ,,Spreewald".

Meldes Dinkel, Roggen und Kartoffeln dagegen gehen unverarbeitet noch weite Wege, bis nach Belgien. Melde verfolgt sein Ziel gelassen: ,,Ich arbeite nicht. Was ich mache, ist für mich Freizeitbeschäftigung." Das Arbeiten überlasse der Kolkwitzer den Mikroorganismen im Boden. Er unterstütze diesen Arbeitsprozess nur. Mit immer grünen Flächen, die den knappen Stickstoff binden, oder mit Meißeln für die Pflüge, um den Boden zu belüften und das Getreide tiefer wurzeln zu lassen.

Als Vor-Ort-Versorger komme es dem Biobauern nicht auf Rekord-Erträge an. ,,Ich will nur so viel ernten, wie der Boden hergeben kann und die Region braucht." Dabei kommen für Melde nur alte Getreidesorten infrage, die schon immer in der Lausitz gewachsen sind. Aus seiner Sicht ist das auch eine angemessene Reaktion auf den Klimawandel mit Vegetationsperioden, die immer länger und trockener werden. Nirgendwo sonst in Brandenburg hat der Ökolandbau solche Ausmaße angenommen wie auf den kargen Böden der Lausitz. Vor allem Landwirte aus dieser Region begründen die Spitzenreiter-Stellung Brandenburgs im Ökolandbau bundesweit - mit einem Anteil von zehn Prozent Bioflächen an der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Im Vergleich dazu nehmen sich die im Agrarbericht vermerkten 3,2 Prozent für Sachsen bescheiden aus. Allerdings werden im Freistaat mehr hochwertige Böden einbezogen, auf denen auch Gemüse gute Bedingungen findet.

In Sachsen wie Brandenburg könnten die Biobauern eine viel größere Wertschöpfung erzielen. So schätzt Kornelie Blumenschein von der Vereinigung ökologischer Landbau Gäa, dass 70 Prozent der sächsischen Öko-Ware in anderen Bundesländern verarbeitet und veredelt wird. In Brandenburg und der Lausitz sei der Anteil ähnlich hoch, bestätigt Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg. ,,Die Biobauern sind spitze in der Produktion, aber Schlusslicht in der Verarbeitung und Veredelung." Das sei bedauerlich, so Wimmer. Denn mit Berlin haben Lausitzer Biobauern einen Riesenmarkt fast vor der Haustür. Die Nachfrage nach Ökoware aus der Region steige in der Bundeshauptstadt unaufhörlich. 42 Bio-Supermärkte gebe es dort mittlerweile. Die Verkaufsfläche für Bioprodukte steige jährlich um 15 bis 20 Prozent. Wimmer: ,,Gerade der Bedarf an Kartoffeln, Gemüse und Obst aus der Region ist noch nicht gedeckt."

Wimmer ermutigt Lausitzer Biobauern, stärker mit marktfertigen Produkten auf den Berliner Markt zu drängen. Er nennt Beispiele, die zeigen, wie es geht. Ein Betrieb in Ogrosen (Oberspreewald-Lausitz) liefert Gemüsekisten im Abo bis Berlin. Ein Landwirt aus Pretschen (Dahme-Spreewald) hat mit einem Berliner Großhändler einen florierenden Chicorée-Handel aufgezogen.

Auch aus Sicht der Landwirtschaftsverbände hat der Ökolandbau Reserven. ,,Da ist noch Luft", so Egon Rattei, Vorsitzender des Bauernverbands im Spree-Neiße-Kreis. Aus Sicht Ratteis hapere es an einer kontinuierlichen Versorgung des Berliner Markts mit einer breiten Lausitzer Produktpalette.

Ähnlich sieht es Heiko Terno, Vizepräsident des Landesbauernverbandes Brandenburg. Bei Gemüse, Kartoffeln und Obst könnten die Biobauern noch nachlegen. Angesichts der angespannten Haushaltslage in Brandenburg könne sich Terno aber nicht vorstellen, dass Landwirte noch mehr Ökoflächen gefördert bekommen. 150 Euro pro Hektar erhalte ein Biobauer in Brandenburg derzeit vom Land. Zudem bekomme er für die im Ökolandbau produzierten Erzeugnisse mehr Geld als ein Landwirt, der seine Böden konventionell mit Dünger und Unkrautbekämpfungsmitteln bearbeitet und so vier Mal mehr erntet.

Für Terno und Rattei wird der Ökolandbau immer ein Nischendasein fristen. Brandenburg müsse seinen Anteil leisten, deutschland- und weltweit die Bevölkerung zu ernähren. ,,Auch die Industrie, die Biogasanlagen und Stärkefabriken wollen versorgt sein", erklärt Egon Rattei. Deshalb sei die konventionell betriebene Landwirtschaft mit ihren höheren Erträgen unverzichtbar.

Biobauer Melde aus Kolkwitz will nicht die Weltbevölkerung ernähren. Seine Tochter lässt hinter dem Gasthaus anbauen. Noch steht erst der Rohbau. ,,Das wird eine Bäckerei", sagt Melde. Wenn hier einmal sein Getreide verbacken wird und die Kolkwitzer frühstücken, was er angebaut hat, ist der Biobauer seinem Ziel einen weiteren Schritt näher gekommen.