72 Elche sind in Brandenburg in den vergangenen 20 Jahren gesichtet und registriert worden. Geschätzt über 6000 Waschbären, die ursprünglich aus Nord- und Mittelamerika stammen, leben in freier Wildbahn in Brandenburg. Im Sommer 2000 ist in der Lausitz sogar ein Goldschakal gesichtet worden, der normalerweise in Asien und Afrika zu Hause ist. Doch ein Wilderer tötete das für unsere Region noch sehr seltene Tier.

Wie groß die Anzahl der nicht-einheimischen Tiere - der Neozoen - in der Lausitz tatsächlich ist, weiß keiner. Neozoen-Experten wie Ragnar Kinzelbach aus Rostock wissen, dass in Deutschland um die 1500 nicht-einheimische Tierarten registriert sind. Egal ob Säugetiere oder Wirbellose, im Wasser oder auf dem Land lebend - die Neozoen gehören fast allen Gruppen des Tierreichs an.

Norman Stier, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Dresden im Bereich Forstzoologie, beschäftigt sich ebenfalls mit invasiven Tierarten. Er erklärt, dass die Tierwelt einer Region nicht statisch ist, sondern stetig wandert, weil Tiere unter anderem auf ihre natürliche Umwelt reagieren. Wird es zu kalt oder zu warm, gehen Tiere einfach fort und finden in einer neuen Region ihre optimalen Lebensbedinungen.

So wandert unter anderem der Goldschakal aufgrund des Klimawandels immer weiter nach Mitteleuropa. Er ist ein guter Läufer, der normalerweise im südlichen Asien sowie in Afrika verbreitet ist. So wurde im April 2012 ein Goldschakal im Bayrischen Wald und im Sommer 2000 auch ein Schakal in der Lausitz beobachtet.

Norman Stier ist sich sicher, dass immer mehr Schakale, die ausdauernde Läufer sind, sich weiter in Mitteleuropa ausbreiten. Doch die Wanderung des Schakals verläuft nicht gleichmäßig, sondern sprunghaft. Eine erste Welle setzte in den 1980er-Jahren ein, als die Tiere in Ländern wie Ungarn und Österreich auftauchten. Derzeit gebe es eine neue Ausbreitungswelle.

Ein anderes Phänomen sind Elche (Foto rechts). Die "Könige des Nordens" hat es laut Diplom-Forstingenieur Jan Engel, der bei der Forschungsstelle Wildökologie und Jagdwirtschaft arbeitet, schon immer in kleiner Stückzahl gegeben. "Ich selber hatte das Glück, einen Elch zu sehen, und bin damit in der Statistik vermerkt", so Engel. Heute wissen Experten, dass Elche vor allem in Polen heimisch sind. "Das liegt daran, dass Elche in Polen nicht gejagt werden", so Norman Stier. In Deutschland unterliegt der Elch auch heute dem Jagdrecht.

Doch es gibt auch invasive Tiere, die durch menschliche Aktivitäten in die Lausitz einwandern. So wurden beispielsweise Pelztiere wie der Mink Anfang des vergangenen Jahrhunderts für Pelztierfarmen nach Europa geholt. Der Mink, auch als amerikanischer Nerz bekannt, ist ursprünglich in Nordamerika verbreitet und lebt inzwischen als "Gefangenschaftsflüchtling" in der freien Natur unter anderem in Brandenburg und Berlin (Verbreitung siehe Infografik).



Die Wanderung der Tiere wird auch durch den Menschen beschleunigt. Wie das Beispiel des Mink zeigt, waren es früher Tiere die aus wirtschaftlichen Gründen wie zur Pelzzucht geholt wurden. Heute bietet der wachsende weltweite Handel und Tourismus auch Tieren "Mitfahrgelegenheiten". Dadurch können räumlich getrennte Arten miteinander in Kontakt kommen, sich kreuzen, wenn sie nahe genug verwandt sind und eine neue genetische Art bilden. Diese "genetische Assimilation" wird heute als ernste Bedrohung der Artenvielfalt angesehen. "Doch nur ein geringer Prozentsatz der Neozoen macht Probleme", versichert Stier.

Mit Problemen meint der Wissenschaftler beispielsweise das Einschleppen von Tropenkrankheiten. Die Veränderung des Ökosystems durch invasive Arten ist auch möglich, da neu eingebrachte Organismen die ursprüngliche Flora und Fauna in Regionen vernichten oder einschränken können. Sollten eingewanderte Tiere also bekämpft oder geduldet werden? Norman Stier und Ragnar Kinzelbach sind sich einig: Insgesamt ist die biologische Invasion ein komplexer Vorgang, der je Art und Region differenziert betrachtet werden muss. "Wir können nur lernen mit invasiven Arten umzugehen", so Kinzelbach. Denn mit einer Zunahme der Invasionen ist zu rechnen.

Zum Thema:
Nicht-einheimische Tiere, die seit Beginn der Neuzeit (1492) beabsichtigt oder unabsichtlich unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen in ein ihnen zuvor nicht zugängliches Gebiet gelangt sind, nennen Experten Neozoen.Als "eingebürgert" gelten Tiere, wenn sie ohne menschliche Hilfe drei Generationen oder 25 Jahre lang existieren.Die Zehnerregel besagt: Von 1000 eingewanderten Arten, gelangen 100 in die freie Natur, zehn verwildern dauerhaft und eine Art wird zum Problem.