ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 11:20 Uhr

Lauchhammer: „Von heute auf morgen Betriebsabschnittsleiter“

Jörg Hertel: [… ] Am 1. Oktober 1980 entschied der mächtigste Wirtschaftsmann der DDR, Günter Mittag, über eine Neustrukturierung der Wirtschaft. Alles, was mit der Kohlegewinnung zu tun hatte, kam zum Braunkohlekombinat Senftenberg; alles, was zur Veredlung gehörte, kam zu Schwarze Pumpe.

Unsere Abteilung wurde mitten durchgehackt.

Also spielten wir "Eene meene Muh, raus gehst du".

Als frisch ausgebildeter Ingenieur hatte ich am wenigsten zu sagen: "Du gehst raus in die Tagebaue, wir bleiben in den Fabriken." Ich sagte: "Klar. Mach ich." So wurde ich von heute auf morgen Betriebsabschnittsleiter, bekam zwei Meisterbereiche und die Verantwortung für die gesamte Energieversorgung der Tagebaue Kleinleipisch, Klettwitz und Klettwitz-Nord. Eine schöne Zeit. […]

Die einzige richtige Katastrophe stellte der Winter 1978/1979 dar. Eine Schneewand schob sich von der Ostseeküste kommend über die DDR hinweg. Innerhalb weniger Stunden fielen die Temperaturen rapide. Über zwei Wochen herrschten minus zwanzig Grad. Die Energieversorgung der Tagebaue, Brikettfabriken und Kraftwerke konnte nur mit außerordentlichen Mühen gewährleistet werden.

Von den 45 Leuten Belegschaft gehörte ich als Ingenieur nicht zu den zehn Bestverdienenden. Lohngruppe sieben bekamen nur die Vorarbeiter, die Fahrer der Förderbrücken erhielten sogar Lohngruppe acht. Als zusätzliche Vergünstigung kriegten wir sogenannten Bergmannsschnaps - "steuerbegünstigten Trinkbranntwein für Bergarbeiter" -, den Liter für 1,60 Mark. In den vier Wintermonaten gab es zwei Liter pro Monat, im Rest des Jahres monatlich einen. Die Arbeiter unter Tage und draußen bekamen jeweils das Doppelte. So stand es im Betriebskollektivvertrag. Der Bergmannsschnaps war praktisch, denn wir konnten ihn nicht nur trinken, sondern bei Frost in die Scheibenwaschanlage füllen. […]

In den Achtzigerjahren hatten wir endlich das Gefühl, alles in Ordnung gebracht und sämtliche Kabelschäden behoben zu haben. Da kam die Wende. […]