„Die Männer stecken ihre Frauen an, wenn sie zurückkommen. Es gibt zu wenig medizinische und sexuelle Beratung, wenig Information. (. . .)“
 Arturo Vázquez, Generaldirektor der „Freunde mit HIV“


Wenn Ricardo Tapia mit dem „Condomobil“ vom „Grupo Amigos con VIH“ ( „Freunde mit HIV“ ) in den entlegenen Bergen von Guerrero unterwegs ist, macht er immer wieder dieselbe Erfahrung: Es kommen fast nur Frauen, um sich zu informieren, wie sie sich vor Ansteckung mit dem Aidserreger HIV schützen können. „Die Indigenas in diesen Dörfern Mexikos sind besonders gefährdet, obwohl sie nie ihre angestammte Heimat verlassen haben“ , erklärt er. Viele sind von ihren Männern infiziert worden, die von der Saisonarbeit aus den USA oder einer Großstadt wie Acapulco zurückgekehrt sind.
Die Zahlen in Lateinamerika sind bei Weitem nicht so bedrohlich wie etwa in Afrika. „Wir sind nicht Afrika, aber wir sind auch nicht das entwickelte Land, das einen freien Zugang zu allen Medikamenten hat“ , sagte der Mitvorsitzende der Konferenz, der mexikanische Virologe Luis Soto. Weltweit sind nach dem jüngsten Aidsbericht der Vereinten Nationen 33 Millionen Menschen infiziert, zwei Drittel davon (22 Millionen) leben in Afrika südlich der Sahara, dem Zentrum der Seuche.
Aber auch in Lateinamerika ist Aids auf dem Vormarsch. Rund 1,7 Millionen Menschen sind dem neuen Report zufolge in der gesamten Region angesteckt, noch einmal 230 000 in den Karibikstaaten.
Ein spezielles Problem ist - etwa in Mexiko - die Migration. „Hier ist Mexiko sehr verletzlich“ , erklärt der Generaldirektor der „Freunde mit HIV“ , Arturo Vázquez, in Acapulco. „Die Männer stecken ihre Frauen an, wenn sie zurückkommen. Es gibt zu wenig medizinische und sexuelle Beratung, wenig Information, und auch die Armut trägt wesentlich zu dem Pro blem bei.“ In dem mexikanischen Badeort am Pazifik sind 4200 Aidskranke registriert. „Doch die tatsächliche Ziffer ist dreimal so hoch“ , schätzt Vázquez. Und von den 4200 werden nur 35 Prozent behandelt."
Das ist symptomatisch für die gesamte Region, wo vor allem die Regierungen dem Problem nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt haben. Meist kümmern sich Nichtregierungsorganisationen, die aus dem Ausland Unterstützung erhalten, um Information, Aufklärung und medizinische Betreuung. Denn die Zahlen nehmen zu, vor allem, weil die Menschen nicht die nötigen Kenntnisse haben.
So wurden in El Salvador im Juni bei einer Untersuchung von 55 000 Personen 307 neue HIV-Infizierte festgestellt. Der erste Fall wurde in dem Land im Jahr 1984 erkannt, heute sind es 21 000. In Nicaragua kommen heute auf 100 000 Einwohner zwölf Infizierte, 2003 waren es sieben. In den übrigen Ländern ist es nicht anders. Auch hier nimmt die Zahl der betroffenen Frauen zu.
Die erste Welt-Aids-Konferenz in Lateinamerika soll die Botschaft aussenden, dass der Kampf gegen die Krankheit allumfassend geführt werden muss. Für Soto ist der Kongress schon deshalb besonders wichtig, weil sich die gesamte wissenschaftliche Fachwelt zum ersten Mal konkret Lateinamerika zuwendet. Er sprach sich wenige Tage vor dem Beginn der Tagung dafür aus, noch mehr zwischen den reichen und armen Ländern zu koordinieren. „Wir kämpfen, weil es in den armen Ländern nicht genug Ressourcen gibt, wo gleichzeitig reiche Staaten über Mittel verfügen, die sie spenden könnten“ , sagte Soto.
Doch auch im Schwellenland Mexiko gibt es leuchtende Beispiele. Im Haus der „Amigos con VIH“ in Acapulco werden 25 von Geburt an HIV-infizierte Kinder nach den modernsten medizinischen Kenntnissen behandelt und betreut, 17 von ihnen leben in dem Asyl, acht bei ihren Eltern. „Sie gehen zur Schule, werden eine Ausbildung erhalten, eine Arbeit finden. Und eines Tages werden sie heiraten und ein normales Leben führen“ , sagt Vázquez. Für diese Arbeit wird seine Organisation bei der Konferenz in Mexiko eine Auszeichnung erhalten.

Zum Thema USA erleichtern HIV-Infizierten Anreise zur Konferenz
 Durch eine zeitlich befristete Sondergenehmigung erleichtern die USA HIV-Infizierten die Teilnahme an der Weltaidskonferenz in Mexiko-Stadt (3. bis 8. August). Die US-Behörden erteilen dazu nach Angaben der Internationalen Aids-Gesellschaft während der Konferenz Ausnahmegenehmigungen vom grundsätzlichen US-Einreiseverbot für Infizierte. Damit werde es Betroffenen ermöglicht, zur Anreise Flüge über die USA zu nehmen. Viele internationale Flüge auf dem Weg nach Mexiko haben in den USA Zwischenlandungen.
Die Sondergenehmigungen seien für den Zeitraum vom 30. Juli bis zum 10. August gültig und mussten bei US-Konsulaten im jeweiligen Heimatland beantragt werden, erläuterte die Aids-Gesellschaft.

Seit vielen Jahren gilt in den USA ein prinzipielles Einreise- und Einwanderungsverbot für HIV-Infizierte. Wegen dieser Bestimmungen werden in den USA seit zwei Jahrzehnten keine internationalen Aids-Konferenzen abgehalten. Ein jüngst vom US-Senat verabschiedeter Gesetzentwurf sieht jedoch eine Aufhebung des Verbots vor.

Zu der Internationalen Aidskonferenz in Mexiko-Stadt werden mehr als 20 000 Teilnehmer aus aller Welt erwartet. Weltweite Reisebeschränkungen für HIV-Infizierte sind auch ein Thema der Veranstaltung. Nach Angaben der Internationalen Aids-Gesellschaft haben derzeit 67 Länder Einreise, Aufenthalt und die Möglichkeit zur Einwanderung für HIV-Infizierte gesetzlich beschränkt.