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| 02:41 Uhr

"Langsames Zusammenwachsen ist besser als Blitzhochzeit"

Das dkw. Cottbus und das Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder) schlüpfen unter ein Dach. Ob es eine so innige Verbindung wird, wie das "Paar" des Berliner Künstlers Hans Scheib während einer Ausstellung in Frankfurt demonstrierte, wird die Zukunft zeigen.
Das dkw. Cottbus und das Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder) schlüpfen unter ein Dach. Ob es eine so innige Verbindung wird, wie das "Paar" des Berliner Künstlers Hans Scheib während einer Ausstellung in Frankfurt demonstrierte, wird die Zukunft zeigen. FOTO: ZB
Schon vor fast zwei Jahren schien die Vermählung zwischen Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus dkw. und dem Museum Junge Kunst MJK Frankfurt (Oder) zu einem Landeskunstmuseum beschlossene Sache. Die RUNDSCHAU erkundigte sich bei der brandenburgischen Kulturministerin Martina Münch (SPD), wie es um die Mitgift steht.

Martina Münch, die wechselseitige "Schlaglichter"-Ausstellung Ende Januar stellt sich wie eine Ehe auf Probe dar, denn mehr Gemeinsamkeiten sind in diesem Jahr nicht geplant. Noch hat es offenbar niemand eilig, unter die Decke zu schlüpfen. Wird der Fusionstermin Juli 2017 zu halten sein?
Ja. Wir sind in guten Gesprächen miteinander und arbeiten mit Hochdruck am Konzept, am Gesetzentwurf und den ergänzenden Vereinbarungen. Wir hatten gerade eine Stiftungsratssitzung, in der noch einmal intensiv über das künftige Landeskunstmuseum gesprochen wurde.

Welche Hürden sind noch zu nehmen?
Der Gesetzentwurf, den wir in den vergangenen Monaten intensiv mit den beteiligten Kommunen diskutiert haben, muss noch durch das Kabinett gebilligt und den Landtag verabschiedet werden. Die Ergänzungsvereinbarung zum bestehenden Finanzierungsabkommen der Brandenburgischen Kulturstiftung muss abschließend noch mit den beiden Städten Cottbus und Frankfurt (Oder) abgestimmt werden - dabei sind auch die Stadtparlamente zu beteiligen. Außerdem ist die Leiterin des Cottbuser Dieselkraftwerkes dkw., Ulrike Kremeier, gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus, Martin Roeder, dabei, das inhaltliche und organisatorische Konzept fertigzustellen, damit es bald im Stiftungsrat beschlossen werden kann.

Nach einer Liebesheirat sieht es aber bei den Fusionsvorbereitungen nicht aus. Woran liegt das?Es mag momentan eher nach einer Vernunftehe als nach einer Liebeshochzeit aussehen - aber es ist definitiv keine Zwangsheirat. Die Idee, zwei hervorragende Kunstsammlungen in einem Landesmuseum zusammenzuführen, ging vor einigen Jahren unter anderem von der Kulturstiftung selbst aus. Mit der Fusion stärken wir die Bildende Kunst und die gesamte Museumslandschaft in Brandenburg. Die Fusion bietet aber auch Chancen der Weiterentwicklung und der besseren Wahrnehmbarkeit der Angebote. Ich bin davon überzeugt, die Liebe wird - vor allem bei den Besuchern - bald kommen. . .

Dennoch: Das sind doch noch sehr zaghafte Berührungspunkte in diesem Ausstellungsjahr.
Das Zusammenwachsen braucht Zeit. Beide Museen werden ja nicht neu gegründet wie beispielsweise das Barberini in Potsdam - sie haben schon ein langes und erfolgreiches Sammlungs- und Ausstellungsleben vorzuweisen. Jetzt freuen wir uns erstmal Ende Januar auf den aus meiner Sicht gar nicht zaghaften, sondern mutigen Auftakt. Es wird ein langsames, dafür nachhaltiges Zusammenwachsen. Das ist manchmal besser als eine Blitzhochzeit.

Manchmal wächst ja die Liebe erst mit den Jahren. Mangelt es vielleicht an der Mitgift? Im ursprünglichen Konzept wurden 200 000 Euro im Jahr veranschlagt, die vom Kulturministerium zusätzlich fließen sollten.
Es wird mehr geben - an der Mitgift mangelt es sicher nicht. Derzeit bekommt das Museum Junge Kunst in Frankfurt 160 000 Euro vom Land, das dkw. erhält etwa 700 000 Euro - zusammen erhalten beide Museen 860 000 Euro. Ab 2018 werden sie jährlich 450 000 Euro zusätzlich vom Land bekommen, ein Plus von mehr als 50 Prozent. Da die Fusion erst ab dem 1. Juli greift, steht in diesem Jahr die Hälfte zur Verfügung. Ich finde, das ist schon eine ordentliche Mitgift. Sie soll unter anderem dafür verwendet werden, mehr Personal - beispielsweise für Marketing und Museumspädagogik - in Cottbus und Frankfurt einzustellen und den Ausstellungsetat zu erhöhen.

Wie werden die Kommunen beteiligt?
Finanziell hat das Thema viel mit der Verwaltungsstrukturreform zu tun. Durch die Überführung des Museums Junge Kunst in die Brandenburgische Kulturstiftung Cottbus (BKC) sichern wir die Existenz der tollen Sammlung und des Museumsstandorts in Frankfurt (Oder). Das MJK ist eine der wichtigsten Kultureinrichtungen Frankfurts, die sich die Stadt sonst vielleicht bald nicht mehr leisten könnte. Dabei gehen wir aber fest davon aus, dass die Stadt bei ihrem bisherigen Zuschuss bleibt.

Und was hat Cottbus davon?
Cottbus bekommt über die BKC ein mit zusätzlichen Landesmitteln finanziell erheblich besser ausgestattetes und damit überregional noch mehr ausstrahlendes Kunstmuseum. Außerdem werden wir Schloss und Park Branitz zu einer weiteren Landesstiftung machen und finanziell erheblich besser ausstatten. Hier werden wir ab 2018 unseren Beitrag von rund 500 000 Euro auf zwei Millionen Euro pro Jahr vervierfachen.

Zwischenzeitlich war auch von einer eigenen Stiftung für die beiden Museen die Rede.Es gab mehrere Varianten, in welcher Form man die beiden Häuser zusammenführt. Die Inte gration in die Kulturstiftung stellte sich als die wirtschaftlichste Variante heraus - die Stiftung verfügt über jahrelange Erfahrung und effektive Strukturen. Das Geld, was ich habe, gebe ich lieber direkt in die Kultur als für die Schaffung neuer Verwaltungsstrukturen.

Wann wird über die Gesetzesvorlage entschieden?
Es gibt eine ganze Reihe von Beschlüssen, die noch gefasst werden müssen. Voraussichtlich im Mai wird das Konzept im Stiftungsrat verabschiedet. Da es eine Landesstiftung ist, muss der Landtag noch über die Gesetzesvorlage entscheiden - das wird wohl im Juni sein. Die Stadtverordneten in Cottbus und Frankfurt wiederum werden über die Ergänzungsvereinbarung zum Finanzierungsabkommen entscheiden müssen.

Es soll aber noch Streit um den gemeinsamen Namen geben. Im Frühjahr 2015 lautete der Vorschlag: Landesmuseum für Moderne Kunst.
Landeskunstmuseum ist der derzeitige Arbeitstitel, den endgültigen Namen werden wir bekannt geben, wenn der Gesetzentwurf das Kabinett passiert.

Was erhoffen Sie sich von diesem Landesmuseum?
Das Landesmuseum soll eine eigene Strahlkraft entwickeln, mit beiden Sammlungen arbeiten und diese in einen historischen und modernen Kontext stellen. Kunst aus der DDR soll mit neuen Augen betrachtet werden. Die Ausstellungen sollen aber nicht nur aus dem Bestand heraus bespielt werden. Ich hoffe, dass spannende Künstlerinnen und Künstler - wie Francisco de Goya im vergangenen Jahr und Otto Dix in diesem Jahr - Menschen ins Museum locken, die ansonsten nicht ins Museum gehen. Ich bin davon überzeugt: Das Landeskunstmuseum hat das Potenzial, neue Besuchergruppen zu mobilisieren.

Meinen Sie auch Blockbuster-Ausstellungen, wie es sie in Berlin und in anderen Großstädten gibt?
Mit Berlin und anderen Kunstmetropolen können wir uns natürlich nicht messen - aber es wäre schön, auch vor den Ausstellungen des künftigen Landesmuseums lange Schlangen zu sehen. Ich glaube, dass das auch in Cottbus und Frankfurt möglich ist, wenn wir ein- bis zweimal im Jahr echte Publikumsmagneten haben. Man muss ab und zu ein kleines Feuerwerk zünden, damit die Neugier erhalten bleibt.

So ein Feuerwerk verschlingt natürlich auch ganz andere Finanzen.
Dafür gibt es auch einen größeren Etat und mehr Mitarbeiter. Natürlich muss man auch weiter mit Stiftungen und Sponsoren im Gespräch bleiben, die das unterstützen. Und auch mit uns kann man über einzelne Projekte immer noch sprechen.

In den beiden Häusern zusammengenommen befindet sich, so heißt es, die größte und wichtigste DDR-Kunstsammlung der Welt. Warum nennt man die Dinge nicht beim Namen?
"DDR-Kunstmuseum" klingt meines Erachtens zu rückwärtsgewandt. Die ostdeutsche Kunst jener Zeit soll ja in den Kontext der Gegenwartskunst gestellt werden. Nicht nur national, sondern auch international. Das ist etwas, was Ulrike Kremeier längst ausprobiert. Wir müssen unsere großartigen Sammlungen noch mehr über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannt machen und sie einbinden in die Kunst der Gegenwart, auch unserer östlichen Nachbarn.

Ist es schon spruchreif, wer das Landesmuseum führen wird?
Die jetzige Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus, Ulrike Kremeier, hat maßgeblichen Anteil am Konzept und wird das künftige Landeskunstmuseum unter Mitwirkung der Kustoden leiten. Ich schätze ihre Kreativität und ihre Fähigkeit, sich auf die Menschen vor Ort einzulassen.

Frau Ministerin, verraten Sie bitte noch: In welcher Ausstellung waren Sie zuletzt?
Intensiv habe ich mir die "Endmoräne"-Ausstellung am Cottbuser Amtsteich angesehen. Ich würde gern noch viel mehr Zeit mit Kunst verbringen. Die "Schlaglichter" werde ich miteröffnen und bin jetzt schon sehr gespannt auf die Auswahl.

Mit Martina Münch

sprach Ida Kretzschmar

Zum Thema:
Die Sammlung des dkw. Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus besteht aus etwa 30 000 Werken der Malerei, Fotografie, Plakatkunst und Zeichnung. In Frankfurt (Oder) befinden sich rund 11 000 Werke - fast alles Kunst aus der DDR. Nach 1989 wurden im Museum Junge Kunst Lücken geschlossen, die vorher aus politischen oder finanziellen Gründen offenblieben.