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| 02:43 Uhr

Langlebiges Gift im Holzschutzmittel

Es war der größte Umwelt-Strafprozess der Bundesrepublik: Im Frankfurter Holzschutzmittelprozess legte der damalige Staatsanwalt Erich Schöndorf eine 645- seitige Anklageschrift vor, in der 2300 Anzeigen von Kranken und Langzeitgeschädigten zusammengefasst waren, die durch Holzschutzmittel geschädigt waren. Der Prozess zog sich über Jahre hin, Erich Schöndorf quittierte schließlich frustriert den Dienst. Am Sonntag hat er dazu einen Vortrag an der BTU Cottbus-Senftenberg gehalten. Die RUNDSCHAU sprach mit ihm.

Herr Prof. Schöndorf, wie sind Sie damals auf das Thema der giftigen Holzschutzmittel gestoßen?
Mitte der 1980er-Jahre habe ich begonnen, Anzeigen von Menschen nachzugehen, die ganz offensichtlich durch die Anwendung von Holzschutzmitteln in ihren Häusern und Wohnungen geschädigt waren. Sie hatten Möbel oder Holzverkleidungen mit zwei damals sehr verbreiteten Produkten behandelt, die übrigens über Verwandschaftsbeziehungen immer wieder auch in den Osten gelangt waren.

Den Herstellern war längst bekannt, dass ihre Produkte schädlich waren, sie nahmen sie dennoch nicht aus dem Handel.

Worüber klagten die betroffenen Opfer?
Es gab ein ganzes Bündel von Symptomen. In unseren Fragebögen gab jeder einzelne Betroffene rund 30 bis 50 verschiedene Symptome an. Müdigkeit und Erschöpfung war allen gemeinsam, dazu gab es dann von Allergien bis Zahnfleischbluten eigentlich alles. Insgesamt gehen wir davon aus, dass rund 240 000 Menschen geschädigt wurden.

Sind die Zusammenhänge zwischen den Mitteln und ihren Folgen denn tatsächlich bewiesen?
Wenn ich weiß, dass all diese Patienten unter den gleichen Umständen krank wurden, also den gleichen Giften ausgesetzt waren, ist das in meinen Augen ein Beweis.

Im Prozess aber sagte ein Verteidiger zu mir, der auch im Contergan-Prozess involviert war, dass nicht einmal die schädigende Wirkung von Contergan bewiesen sei. Soviel also zur juristischen Beweisfrage.

Immerhin ist es Ihnen gelungen, eine mehr als 600 Seiten starke Anklageschrift zu verfassen und tatsächlich ein Strafverfahren vor dem Landgericht anzustrengen.
Trotzdem war es von Anfang an ein mühsames Unterfangen. Nur in den ersten Jahren hatte ich Rückendeckung von meinen Vorgesetzten, später wurde ich gerade von der Generalstaatsanwaltschaft immer wieder unter Druck gesetzt. Das zuständige Landgericht brauchte zunächst 13 Monate, um über die Zulassung der Anklage zu entscheiden. Die Richter lehnten ab: Die Kausalität zwischen Produktnutzung und Schaden sei nicht mit der für eine strafrechtliche Verurteilung zu fordernden Sicherheit zu erbringen. Das Oberlandesgericht brauchte 18 weitere Monate, um meiner Beschwerde stattzugeben und den Prozess zuzulassen. Nach einem Jahr dann das Urteil: ein Jahr auf Bewährung und eine Geldbuße von 100 000 D-Mark. Noch nie zuvor war ein Chemiemanager schuldig gesprochen worden. Doch schon 1995 hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf und wies das Verfahren ans Landgericht zurück. Es endete dann mit der Zahlung von vier Millionen D-Mark an einen Lehrstuhl in Gießen. Die Geschädigten gingen leer aus.

Warum?
Weil es immer wieder Gutachter gibt, die vor der Industrie einknicken und jeden Zusammenhang zwischen Produkten und ihren schädigenden Wirkungen leugnen. Weil der BGH nichts gegen das System unternimmt und weil die Justiz Verfahren deckelt, die der Obrigkeit schaden könnten. Für mich persönlich hätte es in der Staatsanwaltschaft keine berufliche Zukunft mehr gegeben. An Beförderung wäre nicht zu denken gewesen, deshalb bin ich an die damalige Fachhochschule in Frankfurt gewechselt.

Auch jetzt, in Ihrem Ruhestand, lässt Sie das Prozessthema nicht los. Was ist daran so wichtig, dass man sich bis heute damit beschäftigen muss?
Zum einen sind die damals verwendeten Giftstoffe Lindan und PCP nicht aus der Welt. Die Hersteller wurden nie verpflichtet, die vergifteten Häuser zu sanieren, und so gasen die Stoffe bis heute aus. Zum anderen kann man an diesem Prozess sehr viel lernen über die Justiz, über medizinisch-toxikologische Zusammenhänge, über Politik und die Macht der Industrie. PCP ist heute als toxisches Gift anerkannt, trotzdem werden bis heute in Holzschutzmitteln Insektizide und Pestizide verwendet. Auf den Packungen steht nur im Kleingedruckten, dass man Mittel nicht in Innenräumen verwenden darf.

Xylamon und Xyladecor waren reine Westprodukte. Waren die Menschen im Osten besser geschützt vor derartigen Giften?
Nein, hier wurde Holz geschützt mit Mitteln, die DDT enthalten haben - noch schädlicher als Lindan und PCP. Aber wenn wir diese Fälle damals noch mit in unseren Prozess aufgenommen hätten, hätte das den Rahmen einfach gesprengt.

Mit Prof. Erich Schönborn

sprach Andrea Hilscher