Carl-Heinrich von Bothmer ist der erste Mitarbeiter der Zentralen Ausländerbehörde Brandenburgs (ZABH) in der Poststraße in Eisenhüttenstadt, den die Neuankömmlinge an diesem Vormittag zu Gesicht bekommen. "Good morning, sire", begrüßt er höflich jeden der Männer, die aus dem Bus steigen, als stünde er nicht an der Tür zur Erstregistrierung, sondern am Tresen eines noblen Hotels.

Er fragt kurz nach Alter, Herkunftsland und anwesenden Verwandten. Wenn er nicht verstanden wird, wechselt der 62-Jährige mit grauem Schnauzer ins Französische. Bleibt auch das ohne Erfolg, hilft ein anderer Flüchtling und übersetzt. Manchmal wünscht er einem Neuankömmling auf Englisch noch "viel Glück", bevor er ihn zur nächsten Tür schickt.

Ungefähr 100 Neuankömmlinge wird von Bothmer an diesem Vormittag so begrüßen. Sie kommen mit zwei Bussen aus Schönefeld, wo sie mit Sonderzügen aus Süddeutschland eintrafen. Ebenso viele kommen zur gleichen Zeit mit Bussen in der Landesfeuerwehrschule in Eisenhüttenstadt an, einer von vielen Außenstellen der ZABH. Bis zum Abend werden mehr als 300 neue Asylbewerber registriert sein.

Für Frank Nürnberger, Leiter der ZABH in Brandenburg, ein ruhiger Tag. "Wir hatten schon bis zu 500 Zugänge in 24 Stunden." Seit einigen Tagen sei die Zahl der Neuankömmlinge leicht rückläufig. Doch das könne sich schnell ändern, wenn sich zum Beispiel die Flüchtlinge in Bewegung setzten, die zurzeit noch an der mazedonischen Grenze festsäßen.

Mit allen Außenstellen hat die Erstaufnahme mehr als 3600 Plätze, ein Drittel davon in der Poststraße in Eisenhüttenstadt. Etwa 1000 Plätze seien gerade in "Reserve", so Nürnberger. Die reichten jedoch keine drei Tage, wenn die Kommunen nicht weiter tagtäglich Asylsuchende abnehmen.

"Wir wissen, dass wir den Druck an die Kommunen weitergeben", sagt Nürnberger. Doch auch seine Handlungsspielräume seien bei 2000 bis 3000 Neuzugängen pro Woche "überschaubar". Er sei schon froh, dass zurzeit alle Neuzugänge im Laufe des Tages auch registriert werden können. Seit Oktober haben seine Mitarbeiter Hilfe bekommen. Im August und September waren 13-Stundenschichten auch am Samstag für viele der Normalfall. Jetzt sind zusätzlich 33 abgeordnete Mitarbeiter von Landesbehörden und 30 Bundeswehrsoldaten mit im Einsatz. Carl-Heinrich von Bothmer, der freundliche Mann am Bus, ist einer dieser Helfer. Der in Hamburg geborene, gelernte Forstwirt hat seinen Schreibtisch im Umweltministerium in Potsdam für drei Monate mit der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt getauscht.

Warum? "Weil die Kollegen hier Unterstützung brauchen und das für mich eine Form von Nächstenliebe ist", sagt er. Mit anpacken sei besser, als nur darüber reden, fügt er noch hinzu. Inzwischen steht er an der Tür, die den Warteraum von der Schalterreihe der Erstregistrierung trennt.

Dicht gedrängt sitzen und stehen die Menschen im Warteraum, manche mehrere Stunden. Kachelfußboden, einige Tische, Stühle, einige Liegen für völlig Erschöpfte und für kleine Kinder, Thermoskannen mit Tee. Jeder muss ein Formular mit Angaben zur Person ausfüllen. In einem Dutzend Sprachen liegen die Zettel bereit.

Wenn die Tür zu den Schaltern aufgeht, drängen viele vor zu einem Tisch, der als Absperrung dient, recken Hände mit ihren Formularen vor. Carl-Heinrich von Bothmer nimmt die Zettel entgehen, prüft, sortiert und beruhigt zwischendurch die, deren Geduld am Ende ist.

"Keine Aufregung, trinken sie einen Kaffee, singen sie ein Lied, es kann Stunden dauern", sagt er auf Englisch zu einem jungen Mann. Ein Scherz könne manchmal viel bewirken: "Die Leute freuen sich, wenn sie mal lachen können, die haben viel hinter sich."

Am Nachmittag, wenn die Wartezeiten sehr lang sind, werde die Stimmung schon mal gereizt. "Insgesamt sind die Leute aber sehr höflich", sagt von Bothmer. Manche verabschieden sich sogar mit einem Dankeschön von ihm, wenn sie endlich an einen der sechs Registrierungsschalter vorrücken dürfen. In zwei Schichten wird hier bis in den späten Abend gearbeitet. Viele der Flüchtlinge, die vor den Schaltern sitzen, sehen erschöpft aus und verunsichert. Die Frauen und Männer, die hier die Personaldaten der Flüchtlinge in ein Computersystem eingeben, Pässe prüfen und Formulare ausfüllen, haben Plüschtiere, Bonbons, Papier und Buntstifte unter dem Tisch für die Kinder. Zeichnungen, die hier entstanden sind, hängen an der Wand. Sie zeigen Blumen, Sonnen, lachende Menschen, Herzen.

Vor einem der Schalter sitzt Abdulrahman Hussein mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern. Die Familie stammt aus Rakka, Hauptquartier der Terrormiliz IS in Syrien. Nachdem ihre Personaldaten in ein Computersystem eingegeben wurden, bekommen sie Bettzeug und einen Schlafplatz zugewiesen.

Der 41-Jährige kann es zunächst nicht fassen, wo sie übernachten sollen: zwei Doppelstockbetten in einer Turnhalle, notdürftig mit Stofflappen sichtgeschützt von anderen Betten und Liegen. Nach der Versicherung, dass die Familie nach einer Nacht in ein festes Quartier in Frankfurt (Oder) verlegt wird, beruhigt er sich.

"Wir würden das den Menschen gern ersparen, auch die beheizten Zelte, in denen junge Männer noch übernachten müssen", sagt der Leiter der Zentralaufnahme, Frank Nürnberger. Auch dass überall angestanden werden müsse: bei der Registrierung, bei der Kleiderkammer, beim Essen.

Bei den hohen Durchlaufzahlen in der Einrichtung dürften die Menschen hinter den Zahlen nicht aus den Augen gelassen werden, so Nürnberger. Doch Vertrautheit stelle sich kaum ein, denn alleinreisende Männer würden nach etwa einer Woche schon in die Kommunen weitergeschickt, Familien nach zwei bis drei Wochen.

Bis dahin haben sie ihre medizinische Erstuntersuchung hinter sich. Ihren Asylantrag können sie jedoch erst in zwei bis drei Monaten stellen. So lang sei inzwischen der Rückstau beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), das mit einer Außenstelle in Eisenhüttenstadt vor Ort ist.

Frank Nürnberger hat dafür nur wenig Verständnis. Die Anträge erst mal nur aufzunehmen, könne doch kein Hexenwerk sein. Zwar sei das Bamf-Personal auch aufgestockt worden, doch längst nicht in ausreichendem Maße. Die Folge: Um ihren Antrag in einigen Monaten zu stellen, müssen die dann längst über das ganze Land verteilten Flüchtlinge wieder nach Eisenhüttenstadt kommen. Im Dezember sollen dafür auch mobile Teams eingesetzt werden.

Für Carl-Heinrich von Bothmer, den Helfer aus dem Umweltministerium, endet im Januar die Abordnung. Wenn gewünscht, würde er jedoch länger bleiben. Die Arbeitsatmosphäre im Team sei sehr gut: "Wenn jemand mal durchhängt, sind andere für ihn da." Auch er habe anfangs manchmal einfach eine Pause machen müssen, weil ihn eine Situation zu sehr berührte.

Zum Beispiel, als ein Syrer nicht in den Bus einsteigen wollte, der ihn zur Außenstelle Doberlug-Kirchhain bringen sollte. Er hatte auf der Balkanroute seine beiden Kinder verloren, die Mutter war tot. Kurz nachdem der Bus ohne den Mann abgefahren war, erzählt von Bothmer, kam der Anruf eines Sozialarbeiters aus Berlin. Er sei mit den beiden Kindern unterwegs nach Eisenhüttenstadt.

Der halbwüchsige Junge hatte seine zweijährige Schwester über zig Kilometer getragen, nachdem sie den Vater verloren hatten. Auf dem Hof der Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt sahen sie sich wieder, so der Helfer: "Als die sich in die Arme fielen, habe ich geheult."

Zum Thema:
In der zentralen Erstaufnahme für Flüchtlinge in Brandenburg kamen im Oktober nur noch 25 Albaner, 36 Serben und drei Mazedonier an. Da sie keine Bleibeperspektive haben, werden sie nicht weiter auf Kommunen verteilt, sondern bleiben bis zur freiwilligen Ausreise oder Abschiebung in Eisenhüttenstadt.Die meisten der in diesem Jahr in Brandenburg aufgenommenen Flüchtlinge waren Syrer (mehr als 8850). Die zweitgrößte Gruppe waren Afghanen (mehr als 2500), gefolgt von Albanern (rund 2200, sehr stark rückläufig). Aus der russischen Föderation wurden fast 1300 Tschetschenen aufgenommen.Mehr als 2500 von mehr als 11 700 im Oktober in Brandenburg angekommenen Asylbewerbern wurden nach einem bundesweiten Verteilschlüssel (Easy) in andere Länder geschickt.