Wahaadsch hält, um das Fahrzeug vorbeiziehen zu lassen. Als die Verfolger auf der Höhe des Arztes sind, schießen sie, eine Kugel trifft den heute 47-Jährigen in den Oberarm. Drei oder vier Männer steigen aus, sie fesseln den Arzt, verbinden ihm die Augen und zwingen ihn, sich in den Fußraum ihres Autos zu kauern. Für den Familienvater beginnt ein Leidensweg voller Todesangst und Folter. Wahaadsch wird an diesem Abend zu einem der vielen Entführungsopfer in Afghanistan.Am Hindukusch hat sich eine regelrechte Entführungsindustrie etabliert. Der Chef des afghanischen Geheimdienstes NDS, Amrullah Saleh, warnte bereits im vergangenen Oktober: "Die Anzahl der Entführungen hat dramatisch zugenommen." Für gewisse Kreise seien Geiselnahmen "eine Art Geschäft" geworden. Salehs Äußerungen gehören zu den wenigen aus der Regierung zu dem Thema. Anders als bei Entführungen der Taliban geht es den kriminellen Banden ausschließlich um Geld. Vermeintlich WohlhabendeDie Opfer sind wohlhabende oder vermeintlich wohlhabende Afghanen. Weil Ausländer kaum betroffen sind, nimmt die Internationale Gemeinschaft das wachsende Problem nur am Rande wahr. Ein schwerer Fehler: Die Angst vertreibt Investoren und gut ausgebildete Afghanen. Offizielle Statistiken sind schwer zu bekommen. Doch internen Zahlen des Innenministeriums zufolge ist die Zahl der Entführungen in Afghanistan von 96 im ersten Halbjahr 2007 auf mehr als 175 im gleichen Zeitraum 2008 gestiegen. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Aus Angst um das Leben der Entführten - und aus Misstrauen gegenüber der Polizei - melden viele Angehörige Geiselnahmen nicht. Auch Krankenhauschef Wahaadsch bekommt keine Hilfe von der Polizei. Fünf Millionen Dollar hätten die Geiselnehmer gefordert, sagt der siebenfache Familienvater. "Wenn ich so viel Geld hätte, dann wäre ich nicht in Afghanistan." Während der Entführung einer koreanischen Gruppe durch die Taliban im Sommer 2007 ist Wahaadsch in die Schlagzeilen geraten, weil er den notleidenden Geiseln medizinisch geholfen hat. Nun vermuten seine Entführer, dass er nach der Freilassung der Koreaner einen Teil des 20-Millionen-Dollar-Lösegelds bekommen hat.Wahaadschs Entführer sperren ihn in einen dunklen Kellerraum. Sie zwingen ihn, einen seiner Brüder anzurufen. Über die offene Telefonleitung hört der Bruder, wie Wahaadsch gefoltert wird. Seine Entführer schlagen ihn mit Kabeln und Stöcken. Am fünften Tag der Prügel, so erinnert sich der Arzt, habe er die Schmerzen kaum noch gespürt. Seinem Bruder sagen die Kidnapper irgendwann, sollte er das Geld nicht aufbringen, werde er am nächsten Tag Wahaadschs Leiche finden. Dann melden sich die Geiselnehmer drei Tage lang nicht mehr. Die vier Brüder des Arztes einigen sich schließlich mit den Entführern, Lösegeld zu zahlen. "Mehr als 200 000 Dollar" habe die Summe betragen, sagt Wahaadsch. Seine Brüder hätten all ihren Besitz verkauft und Kredite aufgenommen, um sein Leben zu retten.21 Tage GeiselhaftNach 21 Tagen Geiselhaft kommt der Arzt im Herbst 2007 frei. Die Entführer hätten ihm gesagt: "Die Regierung wird dir nicht helfen. Gehe einfach zurück zur Arbeit und tue so, als sei nichts geschehen." Wahaadsch und seine Familie informieren trotzdem die Behörden. Doch tatsächlich hätten sich weder die Regierung noch die Polizei für den Fall interessiert. Die Täter seien nie gefasst worden. Körperlich habe er sich nach drei, vier Monaten so weit erholt gehabt, dass er wieder arbeiten konnte. Psychisch leide er weiterhin unter der Geiselnahme. "Nachts wache ich immer noch schreiend auf."Ehefrau und Kinder schickt der Arzt nach seiner Freilassung nach Pakistan, wo sie seitdem als Flüchtlinge leben. Er selber muss seine Schulden zurückzahlen. Die Entführung und die Untätigkeit der Behörden haben in dem freundlichen Mediziner, der in Indien, Pakistan und den USA ausgebildet wurde, tiefe Wut hinterlassen. Ohne die Unterstützung von Regierungsvertretern hätten die Kidnapper nie Erfolg haben können, sagt der Arzt. Die Regierung sei korrupt, Präsident Hamid Karsai "kontrolliert nicht einmal die Hälfte des Landes". Auch die ausländischen Truppen sorgten nicht für Sicherheit. Sicherheit habe dagegen unter dem 2001 gestürzten Regime der Taliban geherrscht. Immer mehr Afghanen sagen offen, dass sie die Taliban gerne wieder an der Macht sähen. Wahaadsch - der nach eigener Aussage früher Karsai unterstützt hat - ist da keine Ausnahme. "Das Gesetz galt für Taliban ebenso wie für gewöhnliche Menschen", sagt er.