Von den Preisschildern ist die D-Mark längst verbannt, nicht aber aus den Köpfen der Einkäufer.Ob vor dem Kühlregal oder im Autohaus: So mancher rechnet erst einmal um, wie wohl der Euro-Preis in Mark lauten würde. Die Währung, mit der die Deutschen mehr als 50 Jahre lang bezahlt haben, dient vie-len Verbrauchern immer noch als Orientierung - deutlich länger, als mancher Experte vermutet hat. "In der Hinsicht habe ich mich geirrt", räumt etwa Professor Alfred Gebert ein. "Ich bin im vergangenen Jahr davon ausgegangen, dass sich bis April nach der Euroeinführung auch die Langsamsten an die neue Währung gewöhnt haben würden", sagt der Psychologe von der Fachhochschule des Bundes in Münster. Doch seine Befragungen vom Sommer 2002 ergaben ein anderes Bild: "Nur rund 60 Prozent der Deutschen in Westdeutschland und rund 40 Prozent in Ostdeutschland rechneten damals schon in Euro."
Zum Teil ist das ein ganz normales Phänomen: "Man braucht einfach einen Maßstab für eine neue Währung. Und das ist naheliegenderweise die alte", sagt Professor Gerhard Raab von der Fachhochschule Ludwigshafen. "Leute, die Jahrzehnte lang damit gelebt haben, bekommen das nicht in ein paar Wochen aus den Köpfen heraus", so der Psychologe. Allerdings scheint das in Deutschland eher länger zu dauern als anderswo im Euroland.
"Wir haben es beim Umrechnen einfach zu leicht, wir brauchen nur durch zwei zu teilen", klagt Gebert. "Das führt dazu, dass wir uns die Preise nicht in Euro merken." Das sieht auch Raab so: In anderen Ländern gehe das kaum ohne Taschenrechner. Die Italiener beispielsweise betrachteten die Euro-Einführung aber auch insgesamt deutlich positiver: "Das liegt allerdings nicht zuletzt an den zum Teil eher schlechten Erfahrungen mit der Lira."
Gerade weil die Deutschen die Mark als Wohlstandssymbol in Erinnerung haben, sei die emotionale Bindung an die alte Währung hier zu Lande größer als anderswo. "Schließlich ist es der Abschied von einer guten Währung", sagt Jörg Beyfuss vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln - ganz anders als etwa bei der Währungsreform 1948.
Die Mark ist aber auch ganz real noch präsent: Das zeigte sich etwa, als in den Kaufhäusern von C&A Anfang Dezember plötzlich wieder mit Mark und Pfennig gezahlt werden konnte. Immerhin rund zehn Prozent des Tagesumsatzes zählte Matthias Kostka, Leiter der C&A-Filiale in Köln, am Ende des ersten langen Samstags in der Kasse. So mancher Kunde war wohl eher zufällig in Hosen- und Jackentaschen auf die alte Währung gestoßen.
"Viele finden immer wieder Restbestände oder haben noch eine längere Zeit nicht geöffnete Sparbüchse", sagt Johannes Korz von der Deutschen Bundesbank in Frankfurt/Main. Wenn ältere Menschen sterben, seien es manchmal erst die Erben, die dann von einem mit D-Mark gefüllten Sparstrumpf überrascht werden. "Wir wissen aber ziemlich genau, wie viel Mark noch im Umlauf sind. Es werden kontinuierlich weniger." Ende November waren es Banknoten im Wert von umgerechnet rund 4,9 Milliarden und Münzgeld für 3,8 Milliarden Euro.
Dabei gehen Experten davon aus, dass so manche Mark nicht wieder auftaucht: "Gerade bei den Münzen ist die Schwundquote hoch. Wir erwarten langfristig um die 40 Prozent zurück", sagt Korz. Zurückgegeben werden kann das alte Geld bei den rund 120 Filialen der Bundesbank. "In Frankfurt zählen wir täglich rund 150 Leute, die kommen und Mark in Euro tauschen."
Dabei gilt keine Befristung und keine Höchstgrenze. Wer bei seiner Hausbank als guter Kunde gilt, könne die Mark auch dort ohne Gebühren loswerden, betont Korz. Verpflichtet sind die Banken dazu allerdings nicht - den garantierten Umtausch ohne jede Gebühr gab es nur bis zum 28. Februar 2002. "Wer noch eine größere Summe hat, sollte sich an seinen Kundenberater wenden. Dann wird in der Regel auch eine Lösung gefunden", sagt Reinhold Rickes vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Frankfurt. Bei den Sparkassen spielt die Mark aber seiner Erfahrung nach fast keine Rolle mehr.
Nach Rickes Einschätzung ist der Euro inzwischen "in den Köpfen angekommen": Das haben die Sparkassen etwa am Verhalten ihrer Kunden an den Geldautomaten festgestellt. "Früher wurden im Schnitt 300 Mark abgehoben", sagt Rickes. Die Frage war, wie viel es in der neuen Währung wohl sein würden: "Inzwischen sind es durchschnittlich 150 Euro - die gerundete Entsprechung. Das heißt, die neue Währung funktioniert", interpretiert der Experte das Verbraucherverhalten.
Am endgültigen Abschied von der Mark sollte jeder einzelne arbeiten, rät Professor Gebert. Denn deren nostalgische Verklärung könne langfristig auch zu nostalgisch motiviertem Verhalten führen. "Und das ist beim Umgang mit Geld nicht zu empfehlen." Am besten sollte deshalb jeder, der das noch tut, einfach aufhören, Preise umzurechnen. Vorbild könnten die Raucher sein, so der Psychologe: "Die wissen bereits, was eine Packung Zigaretten in Euro kostet."

Hintergrund Akzeptanz sehr unterschiedlich
Die Deutschen trauern laut einer aktuellen Umfrage der EU-Kommission auch knapp ein Jahr nach der Euro-Bargeldeinführung mehrheitlich der D-Mark nach. Gut zwei Drittel der Befragten (67,8 Prozent) seien unzufrieden oder gar unglücklich über den Euro als neue Währung, berichtete die Kommission gestern in Brüssel. Nur 27,8 Prozent der im November in Deutschland befragten Bürger waren mit der Gemeinschaftswährung zufrieden.
Deutschland steht mit dieser Negativeinschätzung im Euroland von zwölf EU-Staaten allein auf weiter Flur. Die Hälfte (49,7 Prozent) der 12 000 bei einer repräsentativen Umfrage interviewten Menschen von Irland bis Griechenland begrüßte die Gemeinschaftswährung, 38,7 Prozent waren mit ihr unzufrieden. Die größten Euro-Fans leben in Luxemburg, Belgien, Finnland und in Irland, wo die Zustimmung jeweils weit über der Marke von 70 Prozent liegt.