Fast vier Jahre nach dem Arabischen Frühling geht Tunesien einen weiteren großen Schritt in Richtung Demokratie. Am Sonntagmorgen begann unter massiven Sicherheitsvorkehrungen die Parlamentswahl. Lange Schlangen bildeten sich schon vor Öffnung der Wahllokale. Polizisten und Soldaten sicherten die Straßen ab, Sicherheitskräfte in Zivil beobachten die Umgebung. Aus Angst vor Terroranschlägen militanter Islamisten waren nach aktuellen Angaben Tausende Polizisten und Soldaten im Einsatz.

Aus europäischen Wahlbeobachterkreisen verlautete am späten Vormittag: "Bisher geht es geordnet voran." In Tunis und auch in den Vororten sei der Andrang groß. In den Mittelklasse-Bezirken Lafayette und Bardo warteten die Männer und Frauen am Morgen geduldig. In einem Wahllokal des ärmeren Bezirks Al-Khadra, wo Anhänger der islamistischen Ennahda stark sind, zeigte sich die Leiterin ebenfalls optimistisch. Die Beteiligung steige. Aus einigen Städten gab es jedoch Berichte über Unregelmäßigkeiten. In der südwestlichen Ortschaft Kasserine, wo es immer wieder zu bewaffneten Übergriffen von radikalen Islamisten auf Armee und Polizei kommt, wurde ein Wahllokal aus Sicherheitsgründen erst später geöffnet, wie die offizielle Nachrichtenagentur TAP unter Berufung auf die Wahlkommission berichtete. In der östlichen Stadt Nabeul seien einige Fehler auf den Wahlzetteln entdeckt worden.

Es ist die zweite Abstimmung über eine Legislative in dem nordafrikanischen Land. Aber da Tunesien erst seit Anfang dieses Jahres eine neue, moderne Verfassung hat, ist es die erste Wahl eines regulären Parlaments. Sie schafft die Voraussetzung dafür, dass das derzeitige Übergangskabinett von einer gewählten Regierung abgelöst werden kann. Mehr als 5,2 Millionen registrierte Wähler sind landesweit aufgerufen, ihre Stimme abzugeben, etwa eine Million mehr als noch vor drei Jahren. Nach offiziellen Angaben haben sich insgesamt 22 000 Wahlbeobachter angemeldet - darunter 600 aus dem Ausland.

Bei der Abstimmung 2011 wurde die Ennahda stärkste Kraft. Mit der säkularen Allianz Nidaa Tounes gibt es diesmal starke Konkurrenz. "Es wird Zeit, dass Demokraten in Tunesien die Macht übernehmen und nicht die Islamisten", argumentieren Nidaa-Tounes-Anhänger Anis und Samia kurz nach ihrer Stimmabgabe in Lafayette. Wählerin Ichraf aus Bardo hofft diesmal auf ein anderes Ergebnis, da das Land in der kommenden fünfjährigen Legislaturperiode vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen stehe. Das offizielle Ergebnis wird innerhalb eines Monats erwartet.