Die Frühlingssonne strahlt vom Himmel, eine Herde Rinder grast friedlich auf dem saftigen Grün. Vereinzelt liegen Tiere entspannt im Gras und käuen wieder. Zwischen ihnen tummeln sich ein paar Kälber, die erst kürzlich geboren wurden. Trotz dieses idyllischen Anblicks hat Walter Beckmann, Vorstandsmitglied bei der Frauendorfer Agrargenossenschaft Elster Pulsnitz, Angst um seine Rinder. Denn seit einigen Monaten treiben Viehdiebe in der Lausitz ihr Unwesen und stehlen bei Nacht und Nebel Kühe, Kälber und Zuchtbullen direkt von der Wiese. Auch eine verschlossene Stalltür hindert die Diebe nicht am Eindringen. "Keiner kann sich mehr sicher fühlen", sagt Walter Beckmann.

In Brandenburg sind 2016 insgesamt 22 Fälle von Viehdiebstahl gemeldet worden, in diesem Jahr gab es bisher sechs. "Bei Viehdiebstahl handelt es sich zwar um einen zahlenmäßig kleinen Deliktbereich, aber hinsichtlich des entstehenden Schadens für die landwirtschaftlichen Betriebe um ein durchaus ernsthaftes Problem", weiß Wolfgang Brandt vom Innenministerium. "Zumal sich die Schadenshöhe allein in diesem Jahr bereits auf geschätzt mehr als 360 000 Euro beläuft." Dies habe auch damit zu tun, dass die Zahl der gestohlenen Tiere deutlich zugenommen hat.

So wurden seit Jahresbeginn mehr Rinder gestohlen als in den drei vorangegangenen Jahren zusammen. "Die Bekämpfung des Viehdiebstahls stellt die Polizei vor besondere Herausforderungen, da hier ganz wesentlich international organisierte Banden am Werk sein dürften", erklärt Wolfgang Brandt.

Auch Landwirt Walter Beckmann weiß: "Der Schaden ist für die betroffenen Betriebe groß und die Aufklärungsrate liegt bei null." Um die Aufklärung der Fälle voranzutreiben, hat das Landeskriminalamt (LKA) Anfang März eine Sonderkommission "Koppel" eingerichtet. Noch haben die sechs Beamten des LKA die Hoffnung, die Täter zu finden. "Die Ermittlungen werden aktuell geführt. Aus ermittlungstaktischen Gründen können wir hierzu keine Einzelheiten bekannt geben", heißt es dazu aus der LKA-Pressestelle. "Erfolgsmeldungen werden in Abstimmung mit der zuständigen Staatsanwaltschaft anlassbezogen der Öffentlichkeit bekannt gegeben."

Auch wenn die Frauendorfer Agrargenossenschaft Elster Pulsnitz bisher von den Dieben verschont geblieben ist, so macht sich Walter Beckmann trotzdem Sorgen um seine über 1000 Tiere. "Die Weidesaison ist jetzt eröffnet, und von Woche zu Woche verlassen mehr Rinder den Stall und kommen raus", erzählt das Vorstandsmitglied.

Um seine Tiere auf den teils abgelegenen Weiden zu schützen, hat die Agrargenossenschaft technisch aufgerüstet. Dabei hat die Agrargenossenschaft das scheinbar übliche Vorgehen der Diebe bedacht. Laut Ermittlern erkunden diese erst die Höfe, bevor sie dann mit einem Transporter zuschlagen.

"Wir haben Bewegungsmelder mit Licht an den Ställen installiert und versteckte Fotofallen an den Zufahrten zu den Wiesen angebracht", so der Landwirt. Damit hofft er, die Diebe bereits beim Auskundschaften der Örtlichkeiten zu entdecken. "Außerdem sind die Zufahrten zu den Weiden versperrt, damit die Diebe nicht mit ihrem Transporter direkt bis an die Weide heranfahren können", sagt Walter Beckmann. Diese Maßnahmen sollen potenzielle Diebe abschrecken.

"Ich investiere lieber jetzt in den Schutz meiner Tiere, statt später einen Schaden von mehreren Zehntausend Euro zu haben", erklärt er. Sollte es tatsächlich einmal zu einem Vorfall kommen oder sich die Verdachtsmomente erhärten, so will Walter Beckmann außerdem Nachtwächter auf seinem Gelände einsetzen.

Aber nicht nur die Landwirte überlegen, wie sie ihre Tiere in Zukunft besser schützen können. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat bereits beim Verbandstag des Kreisbauernverbandes Spree-Neiße im März Gespräche zwischen dem Innenministerium und dem Landesbauernverband zum Thema Viehdiebstahl angekündigt. "Aktuell wird hinter den Kulissen noch nach einem Termin gesucht", sagt Sebastian Scholze, Pressesprecher beim Landesbauernverband Brandenburg.

Einige Ideen und Vorschläge zur Prävention von Viehdiebstählen hat sich der Verband aber bereits überlegt. "So könnte das Land zum Beispiel die Investition in Sicherungs- und Überwachungsmaßnahmen mehr bezuschussen", sagt Sebastian Scholze. Bisher erhalten Landwirte dabei 20 Prozent: "Die Technik ist sehr teuer, und nach zwei wirtschaftlich schweren Jahren haben die Landwirte meist keine Rücklagen mehr für solche Investitionen und jeder Euro wäre willkommen." Statt ihre Herden zu vergrößern, hätten bereits einige Landwirte in den sauren Apfel gebissen und in Überwachungsmöglichkeiten investiert.

Eine andere Idee zur Abschreckung wären stichprobenartige Kontrollen der Viehtransporte an der Grenze zu Polen. "Natürlich ist das eine Personalfrage", weiß Sebastian Scholze. "Alternativ könnten aber auch Kameras installiert werden, die die Kennzeichen von Transportern feststellen." Auch über den Einsatz von weiterer Technik wird im Verband spekuliert. "Landmaschinen können heute speziell markiert werden, vielleicht gibt es da auch für Kühe eine Möglichkeit", so der Pressesprecher.

Auch Walter Beckmann von der Frauendorfer Agrargenossenschaft Elster Pulsnitz plädiert für mehr Abschreckung und Überwachung. "Einbruchsicherung ist, denke ich, ein guter Weg", findet der Vorstandsvorsitzende.

Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) kann die Ängste der Landwirte sehr gut verstehen. Er sieht in der Präventionsarbeit den richtigen Weg.

"Es ist leider auch so, dass der überwiegende Teil der Viehdiebstähle von den Landwirten zu spät festgestellt wird, um noch unmittelbare polizeiliche Maßnahmen einleiten zu können", so der Minister im Rahmen einer Landtagsdebatte zum Viehdiebstahl am Donnerstag. "Hier müssen wir ansetzen. Und zwar auch mit polizeilicher Präventionsarbeit." Eine enge Zusammenarbeit mit den Landwirten und den regionalen Bauernverbänden sei dabei wichtige Schritte, um den Dieben erfolgreich das Handwerk zu legen.

Zum Thema:
Seit Jahresbeginn wurden in Brandenburg mehr Rinder gestohlen als in den drei vorangegangenen Jahren zusammen. Die Schadenshöhe beläuft sich insgesamt auf geschätzt mehr als 360 000 Euro.