Richter Roland Bernards wundert sich, dass Felix K. (Name geändert) nicht persönlich zu dem Termin am Donnerstag vor der Handelskammer des Landgerichtes Cottbus erschienen ist. "Die Sache hier betrifft ihn doch immerhin", hält er dessen Anwalt Maciej Snuszka vor. Der zuckt nur die Schultern. K. sei ja nicht ausdrücklich persönlich geladen. Seine Anwesenheit deshalb keine Pflicht.

Bis zum Frühsommer 2013 war der inzwischen 45-jährige K. Geschäftsführer zweier komplett im Besitz der Stadt Guben befindlichen Firmen: der Wohnungsbaugesellschaft Guwo und des Altenheimbetreibers GSW. Dann musste er plötzlich beide Chefsessel räumen. Fristlos und außerordentlich war ihm gekündigt worden.

Später kam auch der Grund dafür an die Öffentlichkeit. Felix K. soll sich über Jahre in beiden Firmenkassen schamlos bedient haben. Seit August 2014 liegt deshalb eine Anklage der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Neuruppin gegen ihn bei der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichtes. Danach soll er mehr als eine halbe Million Euro von den Konten der Guwo und der GSW im Laufe von dreieinhalb Jahren in die eigene Tasche geleitet haben. Doch um die strafrechtliche Seite der Geschichte ging es jetzt noch nicht am Landgericht Cottbus. Denn Felix K. wartet nicht nur auf seinen Strafprozess, er klagt auch bei der Kammer für Handelssachen gegen seinen fristlosen Rauswurf bei der GSW. Er glaubt, die Stadt als Eigentümer des Altenheimbetreibers habe dort bei der fristlosen Kündigung einen Fehler gemacht.

Denn innerhalb von 14 Tagen nach Bekanntwerden der Gründe muss eine außerordentliche fristlose Entlassung vollzogen werden.

Deshalb hatte die Handelskammer am Donnerstag sechs Zeugen geladen. Weitere sollen in zwei Wochen folgen. Sie sollen klären helfen, ob bei der GSW-Kündigung von Felix K. diese Frist eingehalten wurde. Denn dass es im Prinzip am Rausschmiss von K. nichts zu beanstanden gibt, machte Richter Bernards unmissverständlich klar: "Die Kündigungsgründe reichen der Kammer aus."

Als erster und vermutlich wichtigster Zeuge musste der amtierende stellvertretende Gubener Bürgermeister Fred Mahro (CDU) sich befragen lassen. Und seine Aussage gab einen Vorgeschmack auf das, was in einem Strafprozess gegen Felix K. zu erwarten ist.

Mahro schilderte, wie ihn Wirtschaftsprüfer Anfang Juni 2013 über Auffälligkeiten im Jahresabschluss der Guwo für 2012 informierten. Im Zentrum stand dabei ein Barscheck zulasten der Guwo über rund 215 000 Euro. Mahro berichtet, wie K. umgehend dazu befragt, wie er vom Aufsichtsrat angehört und wann eine Tiefenprüfung eingeleitet wurde.

Felix K. habe immer nur angekündigt, dass er alles aufklären könne, oder geschwiegen, so Mahro: "Dass er Geld für private Schulden brauchte, wusste ich nicht." Das und viele andere Details über Bar-Entnahmen, gefälschte Rechnungen und falsche Überweisungen habe er erst viel später erfahren.

Und der amtierende Gubener Rathauschef erzählt auch, wie Felix K. versuchte, die auf ihn zu rollende Lawine zu stoppen. Einen Tag nachdem der Aufsichtsrat in die ersten entdeckten Unregelmäßigkeiten eingeweiht war, machte K. über einen Anwalt Mahro ein schriftliches Angebot für einen Deal: Schnelle Rückzahlung der 215 000 Euro an die Guwo und das Rathaus verspricht als Gegenleistung dafür Stillschweigen.

"Das kam für mich natürlich nicht infrage", so Mahro. Statt zu schweigen, schalteten Guwo und GSW die Staatsanwaltschaft ein. Die nahm Felix K. nach einer Durchsuchung im August 2013 vorübergehend fest. Daraufhin legte er ein Teilgeständnis ab. Ein Haftbefehl gegen ihn wurde am nächsten Tag außer Vollzug gesetzt.

Bis die Kammer für Handelssachen am Landgericht über die Klage von Felix K. gegen seine Kündigung entscheidet, wird es vermutlich noch einige Wochen dauern. Ob und wann die Zweite Große Strafkammer nebenan die umfangreiche Anklage gegen den Ex-Doppelgeschäftsführer verhandeln wird, ist noch offen.

Denn K. hat dem Gericht vor Monaten mitgeteilt, dass er sich aus gesundheitlichen Gründen einem Strafprozess nicht stellen könne. Gerichtssprecher Frank Merker bestätigt, dass das Gericht deshalb die Verhandlungsfähigkeit des 45-Jährigen überprüfen lässt.

"Diese Prüfung ist noch nicht abgeschlossen", teilt Merker auf Nachfrage mit. Wenn es zur Verhandlung kommt, droht dem Ex-Chef der beiden kommunalen Gubener Firmen angesichts der Höhe des Gesamtschadens und der Vielzahl der mutmaßlichen Untreue-Taten eine empfindliche Strafe.

Nach Auskunft des amtierenden, stellvertretenden Gubener Bürgermeisters Fred Mahro hat K. inzwischen rund 250 000 Euro an die Guwo zurückgezahlt. Guwo und GSW wollen, so Mahro, zunächst das Strafverfahren gegen den Ex-Geschäftsführer abwarten, um ihn dann wegen des restlichen Schadens zu verklagen. Eine Verjährungsgefahr bestehe nicht.

Zum Thema:
Die Guwo ist mit 4700 Wohnungen der größte Vermieter in Guben. Der Ex-Geschäftsführer von Guwo und Altenheimbetreiber GSW galt in der Stadt als "Ziehsohn" von Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP). Hübner hatte Felix K. im Jahr 2005 als Geschäftsführer der GSW in die Stadt geholt. 2009 sorgte der gelernte Bankkaufmann dann bereits für negative Schlagzeilen. Als GSW-Chef hatte er durch ein windiges Kreditgeschäft den kommunalen Altenheimbetreiber in gefährliche Bedrängnis gebracht. Kurz darauf verschaffte ihm Bürgermeister Hübner dort den zweiten Geschäftsführer-Posten. Statt eines Anstellungsvertrages schloss Hübner mit ihm einen "Geschäftsbesorgungsvertrag". Dieser wurde vom Aufsichtsratsvorsitzenden nie, wie es notwendig gewesen wäre, unterschrieben. Hübner ist inzwischen selbst vom Landgericht Cottbus wegen Korruption verurteilt worden. Revision ist beantragt.