Von Christian Taubert

Diese Brandenburger Landesgartenschau (Laga) ist nicht gerade um die Ecke. Nach dem Auftakt in Luckau (2000) muss der Lausitzer schon wieder mehr Zeit einplanen, um nach Eberswalde (2002), Rathenow (2006), Oranienburg (2009) und Prenzlau (2013) jetzt das Gartenfest des Landes in Wittstock an der Dosse zu besuchen. Lohnend ist es aber allemal, in die Stille der Kleinstadt von Ostprignitz-Ruppin einzutauchen. Entlang einer der am besten erhaltenen zusammenhängenden Stadtmauern Deutschlands (2436 Meter lang) ist aus einer schlichten Grünanlage eine grüne Oase um die Altstadt herum geworden.

Wittstock hat wie seine Vorgänger die Chance genutzt, mit der Laga nachhaltige Impulse für das kommunale Leben in der Stadt zu geben.

Beate Schmidt weiß davon eine Menge zu berichten. Wittstock und die Region sind ihr seit Jahrzehnten ans Herz gewachsen. Nach dem Maschinenbau-Studium in Karl-Marx-Stadt hat sie in Jessen (das zum DDR-Bezirk Cottbus gehörte) gewohnt, ehe sie die Liebe in die Ostprignitz führte. Hier hat sie vor zwei Jahren ihre Werbeagentur verkauft, ist in Rente gegangen, um wenig später bei der Laga als Gästeführerin anzuheuern. Als sie jetzt bei brütender Hitze am Ost-Eingang der Laga mit ihrer Besuchergruppe am Bleichwall Station macht, schlägt sie den Bogen von der Stadtgeschichte bis zur gärtnerischen Kreativität. Denn die als Hochbeet angelegte Wiese – von blühenden Rabatten durchzogen –- symbolisiert ein überdimensionales, mit (Blumen-)Falten versehenes Bleichtuch.

Darin spiegelt sich Tradition. Es verweist auf Wittstock als Tuchmacher-Hochburg, deren Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Bis nach dem Ersten Weltkrieg wurden hier Militärtuche hergestellt, später Küchenmöbel. Mit der Wende 1990 waren die riesigen Backsteingebäude dem Verfall preisgegeben. „Die Stadt wollte bis zur Laga schon etwas weiter sein. Aber nun entsteht bis 2025 in dem Tuchmacherkomplex ein Bildungsstandort mit Musik- und Volkshochschule für die ganze Region“, erläutert Beate Schmidt. Vorbei an der Apfelwiese mit den zum Verweilen einladenden Apelhälfte-Sitzelementen, dem Himbeer- und dem Nachbarschaftsgarten (das bauen europäische Gartenfreunde an) weitet sich der Blick von den Dammterrassen auf einen großen Teil der Stadtmauer. „Rundum gute Aussichten“, sagt Beate Schmidt und nutzt den Standort, um das die Innenstadt umschließende Bauwerk noch ein Stück einmaliger zu machen.

Theodor Fontane als Garten

Denn hier seien auch Feldsteine vermauert worden, eines der drei Tore noch erhalten. Sogleich eröffnet sich hinter dem Mauerwall – unweit des Zusammenflusses von Dosse und Glinze sowie der zwei Themengärten zu Theodor Fontane „Hier ist gut sein“ – die alte Bischofsburg. Ein Kleinod, modern aufgepeppt, mit Heimat- und Museum des 30-jährigen Krieges. Besuche sind im Eintrittspreis ebenso inbegriffen wie der Einlass zu Events auf der Laga-Bühne (siehe Infobox). „Mehr als 1000 Veranstaltungen werden es letztlich auf der Laga sein. Das haben Wittstock und die Prignitz noch nicht erlebt“, räumt Beate Schmidt ein, die ihrem Bruder in Cottbus beim nächsten Besuch genauso emotional berichten wird, wie sie es jetzt gegenüber ihren Laga-Gästen tut.

Zwei Stunden sind beinahe wie im Fluge vergangen, da führt die 67-Jährige mit dem schmucken Strohhut ihre Besucher in die „wachsenden Gärten“. Die hat es auf bisherigen Landesgartenschauen noch nicht gegeben. Hier können Besucher an Wochenenden erleben, wie Garten- und Landschaftsbauer festgelegte Areale zum Terrassen- oder mediterranen Garten gestalten, wie Formgehölze gruppiert, Rasen und Kies zueinander finden oder Kontraste im Garten geschaffen werden. Gut 1000 Quadratmeter sind dafür im denkmalgeschützten Friedrich-Ebert-Park freigehalten worden.

Andrang bei Cottbuser Gartengestalter

„Wir haben Fragen über Fragen zu beantworten“, schildert der Cottbuser Bert von der Forst den Besucheransturm. Er hat mit seinem Unternehmen Garten & Deko Gartengestaltung in Gallinchen schon zwei Flächen in den „wachsenden Gärten“ gestaltet: Balkon- und Schalenbepflanzung im Terrassengarten sowie das Hochbeet Gemüse. „Ich habe den Laga-Gästen dazu geraten, Mut zu haben und Trends zu folgen – etwa zu Balkon- und Beetbepflanzungen auch Kräuter zu kombinieren“, sagt von der Forst.

Seine Handschrift trägt im Übrigen auch die gerade neu gestaltete Hallenschau im historischen Güterboden des Wittstocker Bahnhofs. Dort hat die Firma von der Forst bis zur Laga-Eröffnung Mitte April zunächst die künftige Blumenschauhalle eingerichtet – eine Visitenkarte von der für sein Unternehmen erfolgreichen IGA Berlin im Vorjahr war dabei zweifellos förderlich. Es kommt also nicht von ungefähr, dass die Gallinchener Gartengestalter noch vier weitere der insgesamt zwölf Hallenschauen in Wittstock bis zum Finale am 6. Oktober bestücken werden.

Aufwertung für die Region

„Wittstock hat an Charme gewonnen.“ Dieser Laga-Effekt ist für Bert von der Forst schon zur Halbzeit der 172-Tage-Schau an der Dosse unübersehbar. „Die Aufwertung des Parkes entlang der Stadtmauer ist mehr als gelungen“, schätzt auch Martina Schweigkhardt aus Teltow ein, die sich mit ihrem Mann zu Beate Schmidts Besuchergruppe gesellt hatte.

Jutta und Siegmund Küster aus Ludwigsfelde, die seit Jahren Gartenschau-Fans sind, stimmen dieser Einschätzung zu. Auf dem Rückweg bummeln sie noch durch die Innenstadt, essen in einer kleinen Gasse zu Mittag und lassen sich trotz Hitze die 203 Stufen hinauf auf den St. Marien-Kirchturm nicht entgehen. „Der Ausblick dort oben sowie Wittstock mit der Laga, das ist faszinierend“, sagt Jutta Küster. Gästeführerin Beate Schmidt freut sich darüber und dass schon vor Laga-Halbzeit über 150 000 Besucher gekommen sind. „Es macht stolz, Wittstock so aufblühen zu sehen.“