Wer Wolf Biermann einlädt, kriegt Wolf Biermann. Den schärfsten SED-Hasser und derzeit wildesten Nonkonformisten der Alterskohorte über Siebzig.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) merkte bei der Gedenkfeier zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ziemlich schnell, dass sein einsamer Beschluss, den 1976 zwangsweise ausgebürgerten einstigen DDR-Bürgerrechtler zu bitten, vor dem Parlament ein Lied zu singen, nicht unbedingt klug war.

Biermann hält nämlich wenig auf, ganz sicher nicht die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages. Auf die versuchte sich Lammert zu berufen, als der Sänger nach kurzem Vorspiel die Gitarre weglegte und damit begann, die vor ihm sitzenden Abgeordneten der Linkspartei zu beschimpfen. Wenn Biermann für den Bundestag kandidiere, sagte der Parlamentspräsident, dann dürfe er hier auch reden. Jetzt aber sei er zum Singen da.

"Das Reden", antwortete Biermann, "habe ich mir in der DDR nicht abgewöhnt und werde das hier schon gar nicht tun". Und machte genüsslich weiter, sodass Lammert, seiner Autorität beraubt, rot anlief.

Biermann sagte, eigentlich müsse er den Linken "ein paar Ohrfeigen verpassen", aber das könne er nicht. "Mein Beruf ist Drachentöter" und das hier sei bloß der klägliche Rest der "Drachenbrut".

Ein wenig seltsam wirkte das schon, weil ganz vorne in den Linken-Reihen deren Vorsitzende Katja Kipping saß, die elf Jahre alt war, als die Mauer fiel. Wie ohnehin nur noch 17 der 64 Links-Abgeordneten schon als SED-ler dabei waren und etliche aus dem Westen kommen.

Aber Biermann ist in Sachen Linke alles andere als ein Versöhner. "Reaktionär" war noch das mildeste Wort, das er für sie fand. Lammert stand zwischenzeitlich wohl vor der Frage, ob er dem Mann das Wort entziehen und ihn aus dem Saal tragen lassen müsse, was unweigerlich als größter Eklat in die Geschichte aller Gedenkveranstaltungen eingegangen wäre (noch vor der verunglückten Jenninger-Rede von 1988).

Doch in letzter Minute lenkte Biermann ein. "Ihr seid dazu verurteilt, das jetzt anzuhören", rief er den Linken noch schnell zu, ehe er sein Lied "Ermutigung" zum Besten gab: "Du, lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit." Der Linken-Abgeordnete Richard Pitterle, ein Wessi, nahm das wörtlich und trommelte auf seinem Pult mit.

Lammert hatte den Auftritt mit niemandem abgesprochen, sondern die Fraktionen am Dienstag lediglich darüber informiert. In der nächsten Sitzung des Ältestenrates wird es wohl ein Nachspiel geben. Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte der RUNDSCHAU hinterher, er sei sich "nicht sicher, ob man immer die alten Schlachten auf diese Weise austragen muss". Immerhin, das Lied hatte ihm gefallen.

In der Union hingegen fand man den Auftritt erfrischend. Endlich mal einer, der freiweg rede, sagte zum Beispiel der CDU-Abgeordnete Michael Brand hinterher.

Links-Fraktionschef Gregor Gysi ignorierte Biermanns Provokationen und las stattdessen seine Rede, ungewohnt für ihn, vom Blatt ab. Einerseits sagte er, dass die DDR eine Diktatur gewesen sei, in der es "grobes Unrecht" gegeben habe. Ein Wort, das in seiner Partei derzeit nicht gerade wohlgelitten ist. Andererseits setzte er Freiheit und soziale Sicherheit als Werte quasi gleich. Die DDR-Bürger genössen die Freiheit, vermissten aber die Sicherheit von damals, Arbeit, bezahlbare Wohnungen, sichere Renten.

Dagegen ätzte nun Arnold Vaatz (CDU), ein Ex-Bürgerrechtler, der selbst einmal im DDR-Knast saß, in bester Biermann-Manier: "Es gibt" sagte Vaatz in Richtung Gysi, "eine Reihe von Dingen, die man in jedem Gefängnis bereitstellen kann". Eben auch Arbeit und Essen.

So wurde es insgesamt eine nicht unbedingt würdige, wohl aber denkwürdige Jubiläumsfeier, die mit der Nationalhymne endete. Wie die Sitzung des Deutschen Bundestages am 9. November 1989. Nur irgendwie doch an ders.