Der langjährige Brandenburger SPD-Landes vorsitzende und Mitbegründer der Ost-SPD, Bundestagsabgeordneter Steffen Reiche, warf Lafontaine Geschichtsverfälschung vor.

„Niemand kann so kreativ mit der Wahrheit umgehen wie Lafontaine“ , sagte Reiche gestern der RUNDSCHAU. „Die Geschichte war anders und sie war einfach: Die SPD wollte eine Vereinigung mit der KPD auf Augenhöhe. Das wollte die KPD nicht.“ Richtig sei, dass nach Kriegsende im Sommer 1945 auch in der SPD der Drang nach einer Vereinigung groß gewesen sei. „Aber Anfang 1946, nach den Erfahrungen mit der KPD, wollte das in der SPD nur noch eine Minderheit“ , sagte Reiche. Für das Verhältnis von Linke und SPD in Ostdeutschland, für mögliche rot-rote Bündnisse, sei es „nicht hilfreich“ , wenn es mit Lafontaine jetzt einen „West-Zeugen für die alte Ost-Lüge“ einer freiwilligen Vereinigung gebe.

Kritik an Umgang mit Vergangenheit
Nachdenklich äußerte sich Reiche darüber, dass die Aussagen Lafontaines auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von der brandenburgischen Linke-Fraktionschefin Kerstin Kaiser unwidersprochen geblieben waren. „Die Brandenburger Linke war im Umgang mit der eigenen Vergangenheit schon weiter“ , sagte Reiche. Zuvor hatte auch Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) Lafontaine „Geschichtsklitterung“ vorgeworfen und mit Blick auf ein mögliches rot-rotes Bündnis nach der Landtagswahl 2009 gewarnt: „Brandenburgs Linke geht weg von Pragmatismus.“ Es sei unerträglich, dass ausgerechnet Lafontaine Tausende Sozialdemokraten verhöhnt, die im Gefolge der Zwangsvereinigung eingesperrt wurden, erklärte SPD-Generalsekretär Klaus Ness. Für die Brandenburger Linke, die sich seit 1990 erkennbar darum bemüht habe, eine kritische Aufarbeitung ihrer SED-Geschichte vorzunehmen, sei dies „ein Schlag ins Kontor“ . Auch SPD-Landtagsfraktionschef Günter Baaske erinnerte daran, dass 5000 Sozialdemokraten, die sich gegen die Zwangsvereinigung wandten, in Lagern und Zuchthäusern inhaftiert wurden. 2001 hätten einige in der PDS immerhin anerkannt, dass es bei der Vereinigung Täuschungen, Zwänge und Repressionen gab, sagte Baaske. „Zu einer Entschuldigung war die PDS aber bisher nicht bereit.“

Speer: Beleidigung vieler Menschen
SPD-Finanzminister Rainer Speer, der in Potsdam 1989 die SPD (damals SDP) mitgegründet hatte, sagte: „Oskar Lafontaine beleidigt viele Menschen. Dabei weiß er es besser.“ Aber offenkundig wolle sich Lafontaine bei ostdeutschen Parteifreunden anheischig machen. Dass sich Sozialdemokraten eine gerechtere Nachkriegsgesellschaft im Osten vorstellen konnten, habe „nichts mit dem Wesen der SED zu tun“ . Zurückhaltender äußerte sich der Landtagsabgeordnete Jens Klocksin, einer der Parteilinken im Land und Befürworter von Rot-Rot. Die Geschichte der SPD sei viel differenzierter, sie eigne sich nicht für pauschale Auseinandersetzungen. „Tatsache ist, dass die SMAD in der sowjetischen Besatzungszone erheblichen Druck zu einer Vereinigung ausgeübt hat.“ Aber es habe durchaus auch Bestrebungen für die Gründung einer Sozialistischen Einheitspartei in westlichen Besatzungszonen gegeben, etwa in Süddeutschland.