Tim K. soll sich ausgegrenzt und verkannt gefühlt haben. Zuletzt zog er sich immer mehr zurück, Killerspiele wurden zu seinem Hobby. Neben dem "Warum" steht nun die Frage im Raum: "Lässt sich das verhindern?" Ja, sagt der Gewaltforscher Jens Hoffmann von der TU Darmstadt. Nein, sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes - er fordert aber: "Was wir dringend brauchen, ist eine Kultur des Hinhörens und Hinsehens." Hoffmann sagt, mit seinem Frühwarnsystem lassen sich Amokläufe verhindern. Das Anti-Amok-Modell, das Dynamische Risiko-Analyse-System wird derzeit an fünf Schulen in Deutschland getestet und soll mögliche Amokläufer und Gewalttäter frühzeitig erkennen. "Es gibt 31 Faktoren, die das Programm prüft und so ein Verhaltensmuster von einem Jugendlichen erstellen kann, der eventuell gefährdet ist", erklärt der Wissenschaftler. "Ich kenne mindestens zwei Jugendliche, die auf dem Weg zu einem Amoklauf waren und dadurch abgefangen worden sind." Es gibt immer HinweiseVerändertes Aussehen, Erstellen von Todeslisten, Hinweise an Freunde im Internet, Rachegefühle und offene Sympathie mit anderen Amokläufern seien Zeichen einer fortgeschrittenen Gefährdung. Immer wieder seien Kränkungen und eine gesuchte Isolation im Vorfeld der Tat zu beobachten. Hoffmann hat das Projekt mit seinem Team seit dem Amoklauf von Erfurt 2002 entwickelt und dafür alle Amokläufe an Schulen weltweit seit 1974 analysiert. Dabei kam heraus, dass 96 der rund 100 Amokläufe von Jungen begangen worden sind. "Viele Täter kündigten an, eine Waffe mit in die Schule zu bringen oder zeigten diese vorher sogar anderen Schülern", sagte Hoffmann. Meidinger begrüßt mehr Prävention, schränkt aber ein: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht lauter Amokläufer identifizieren und so an den Schulen ein Klima des Misstrauens schaffen." So schlimm die Tat sei, eine solche Tragödie könne leider immer wieder passieren. "Als Schulleiter würde ich mir aber wünschen, dass ich wüsste, welche Eltern von Schulkindern Waffen zu Hause haben, das würde einen ganz anderen Blick eröffnen." Forderungen nach Chipkarten-Einlass-Systemen oder Metalldetektoren an Schulen erteilt er eine Absage: Am System der offenen Schulen dürfe nicht gerüttelt werden, sonst schaffe man ein Lernklima der Angst. "Mögliche Täter werden immer Wege finden, Waffen reinzuschmuggeln", sagt Meidinger. Kein GeneralverdachtHoffmann betont, ein klassisches Täterprofil gebe es eben nicht: "Wenn man beispielsweise sagt, potenzielle Täter sind Einzelgänger, männlich und spielen gerne Videospiele, hat man wahrscheinlich zehn Prozent der Schulbevölkerung in Deutschland im Verdacht." Er betont, dass mit dem neuen Frühwarnsystem das Risiko minimiert werden kann - ohne einen Generalverdacht zu erzeugen. Einen Tag nach dem Blutbad in Winnenden hat das Amtsgericht Halberstadt im Schnellverfahren einen 22-Jährigen zu fünf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der junge Mann drohte am Donnerstag per Notruf einen Amoklauf an seiner Berufsschule an, um wegen des Polizeieinsatzes schulfrei zu bekommen. In Berlin verurteilte das Amtsgericht Tiergarten einen 21-jährigen Mann, der im Internet mit ähnlichen Verbrechen an seiner früheren Schule gedroht hatte, zu einer Woche Jugendarrest. dpa/roe Nach dem Amoklauf wird in der 1. und 2. Fußball-Bundesliga am Wochenende mit Trauerflor gespielt. Dies teilte die Deutsche Fußball Liga am Donnerstag mit. Nach Angaben des Deutschen Fußball-Bundes werden auch die Vereine der 3. Liga, der Regionalliga, der Frauen-Bundesliga, der 2. Frauen-Bundesliga und der A- und B-Junioren-Bundesliga mit Trauerflor spielen. Zudem sind Schweigeminuten angedacht. Der Fußball-Landesverband Brandenburg schließt sich dem an. dpa/dasWie viele Waffen es in Deutschland gibt, weiß niemand so genau. Die Zahl der illegalen ist ohnehin unbekannt. Auf sieben bis zehn Millionen schätzt der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, ihre Zahl. Ein zentrales Waffenregister, wie es erneut die Grünen fordern, gibt es nicht. Weitgehend Übereinstimmung herrscht in Berlin darüber, dass Deutschland bereits ein sehr restriktives Waffenrecht hat und eine weitere Verschärfung Amokläufe nicht verhindern könnte. Bleibt die Frage der Kontrolle. Nach älteren Angaben gibt es in Deutschland etwa 2,3 Millionen Bürger, die legal Waffen besitzen, weil sie entweder ein besonderes Schutzbedürfnis nachweisen können oder Jäger, Sportschützen und Sammler sind. Auch wenn keiner an ihrer Gesetzestreue zweifelt, bleibt ein Unbehagen. Für viele ist unbegreiflich, dass der Vater des Amokläufers von Winnenden 4600 Schuss Munition zu Hause lagerte und die Pistole laut Polizei im Schlafzimmer aufbewahrte. Der FDP-Innenexperte Hartfrid Wolff hält es zwar für unmöglich, jedem Waffenbesitzer einen Kontrolleur zur Seite zu stellen - aber nach den aktuellen Erkenntnissen müsse man sorgfältig prüfen, welche Konsequenzen zu ziehen seien. Am weitesten gehen die Linken. Die Aufbewahrung von Waffen in Privathaushalten solle stark eingeschränkt werden. "Es müssen jederzeit unangemeldete Kontrollen möglich sein", fordert der Fraktionsvize Bodo Ramelow. Er bezweifelte, dass die Lagerung in Privathaushalten noch zeitgemäß ist. "Sportschützen schießen ja nicht zu Hause, und Jäger jagen nicht zu Hause." Die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Silke Stokar, leitet aus dem nach Erfurt und Emsdetten nun dritten Amoklauf in Deutschland die Forderung nach schärferen Kontrollen ab. Auch will sie die Anzahl von Waffen in Privatwohnungen beschränken. Das Problem ist die gesicherte Aufbewahrung, sagt der Innenexperte der Unionsfraktion, Reinhard Grindel. Ob es aber die Sicherheit erhöhen würde, Waffen und Munition zentral nur noch in den Vereinen zu lagern, bezweifelt er. Auch die SPD-Waffenexpertin Gabriele Fograscher sagt: "Eine weitere Verschärfung bringt nicht mehr Sicherheit." Bei Verbrechen spielten legale Waffen ohnehin nur eine geringe Rolle.