Als die Briten im Mai ihr Parlament neu wählten, waren Sieg und Niederlage klar verteilt: Premier David Cameron und die Konservativen jubelten, drei weitere Parteichefs traten zurück. Nigel Farage übernahm seine rechtspopulistische Ukip kurz darauf erneut. Die Liberaldemokraten wählten ohne großes Aufhebens Tim Farron als Nachfolger von Nick Clegg. Und Labour?

Nach dem Abschied von Wahlverlierer Ed Miliband läuft bei den britischen Sozialdemokraten eines der nervenaufreibendsten Rennen um den Parteivorsitzenden in ihrer mehr als 100-jährigen Geschichte. Es endet am Samstag. Vier Kandidaten sind in diesem Rennen, aber es wirkt, als träten da drei gegen einen an. Liz Kendall, Andy Burnham und Yvette Cooper sind sich in ihren Zielen nicht völlig einig, lassen sich aber gut an einer in der Partei üblichen Skala messen: Wie nah steht man der von Tony Blair in den 90ern erarbeiteten, wirtschaftsfreundlichen New-Labour-Politik? Kendall sehr nah, die anderen beiden weniger. Und dann ist da Jeremy Corbyn, der Linke, der atomare Abrüstung und Verstaatlichungen fordert.

In deutsche Ohren mag das einfach links klingen, in britischen tönt es revolutionär. Der 66-Jährige trägt seine Positionen ernst und mit leiser Stimme vor. Er sieht dabei meist gar nicht aus wie ein Politiker, eher wie ein Gymnasiallehrer mit "Atomkraft? Nein Danke"-Aufkleber auf dem Schutzblech seines Fahrrads. 500-mal soll Corbyn während seiner 22 Jahre im Parlament gegen die Linie seiner Parteiführung gestimmt haben.

Noch vor ein paar Monaten, sogar Wochen, nahm kaum jemand den Langzeit-Abgeordneten für voll, der nie ein wichtiges Amt bekleidet hat. Er war als eine Art buntes Beiwerk gedacht für das Rennen um den Parteivorsitz, das von einer "breiten Debatte" begleitet werden sollte. Und jetzt? Gilt er als Favorit, nicht nur bei den Buchmachern, sondern auch in Umfragen.

Hinter Corbyn scharen sich Parteimitglieder und -Anhänger, die mit New Labour noch nie etwas anfangen konnten oder nach der Bankenkrise eine Alternative wollen zu Privatisierung und Sparpolitik. Die Rede ist von einer "Corbynmania". "Es stellt sich heraus, dass die Labour-Partei immer noch für eine Überraschung gut ist", fasst der "Guardian" den internen Wahlkampf zusammen. Der Rebell könnte davon profitieren, dass Nicht-Mitglieder sich erstmals eine Stimme kaufen konnten.

Vor fünf Jahren standen sich zwei Brüder gegenüber, Ed und David Miliband. Gewinner Ed war der linkere, aber viele Wähler hatten damals das Gefühl, keine echte Alternative zu haben - weder beim Nachnamen noch in der politischen Ausrichtung. Das ist diesmal anders. Die einen sehen in Corbyn den Heilsbringer, die anderen den sicheren Untergang der Partei, weil schlicht unvorstellbar sei, dass er einmal Premierminister werde.

Für Labour ist die Debatte Segen und Fluch zugleich. Einerseits ist die Partei für viele, gerade junge Wähler, gerade wieder spannend. So viel Leidenschaft gab es lange nicht an der Basis, auf beiden Seiten. Andererseits ist fast egal, wer am kommenden Samstag zum neuen Parteichef gekürt wird: Es wird viele Unzufriedene geben. Labour ist gespalten, und viele fürchten, dass die Spaltung sich verfestigen und die Partei zerreißen könnte - der Independent schrieb am Wochenende gar von einem drohenden "Bürgerkrieg", falls Corbyn gewinnt. Während Ex-Premier Tony Blair noch eindringlich vor einem Linksruck warnt, beschwört Übergangschefin Harriet Harman daher bereits den Zusammenhalt: "Wer auch immer gewählt wird, wir werden alle mit ihm arbeiten müssen, um und wählbar zu machen."