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Kurden stimmen heute über Unabhängigkeit ab

Junge Frauen nehmen in Erbil an einer Kundgebung des kurdischen Präsidenten Barsani zum Unabhängigkeitsreferendum teil.
Junge Frauen nehmen in Erbil an einer Kundgebung des kurdischen Präsidenten Barsani zum Unabhängigkeitsreferendum teil. FOTO: dpa
Erbil. Seit Jahrzehnten träumen die Kurden im Norden des Iraks von Unabhängigkeit. Sie sind fest entschlossen, sich vom Rest des Landes abzuspalten. Jan Kuhlmann / dpa/uf

Die Menge wogt und feiert über Stunden. Zehntausende Kurden sind ins Fußballstadion der nordirakischen Stadt Erbil geströmt, kein Platz ist mehr frei.

Im Innenraum stehen die Menschen bei fast 40 Grad Körper an Körper, verschwitzt und so dicht, als seien sie eine einzige große Masse. Sie singen, sie tanzen, sie schwenken kurdische Fahnen, Rot-Weiß-Grün, in der Mitte eine Sonne. "Bale, Bale"-Rufe hallen durch das Stadion: "Ja, Ja" zur kurdischen Unabhängigkeit. "Der Irak ist erledigt", brüllt ein Mann. "Er wird nicht mehr benötigt." Es ist am Freitagnachmittag die letzte Kundgebung, bevor Nordiraks Kurden heute in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit abstimmen, um sich einen alten Traum zu erfüllen. In ihren Autonomiegebieten genießen sie zwar große Selbstständigkeit, nun aber wollen sie mehr. Die Kurden könnten zwischen Unterordnung und Freiheit wählen, ruft ihr Präsident Massud Barsani der Masse zu: "Wir können nicht länger mit Bagdad leben."

Doch der Widerstand gegen die Volksabstimmung der Kurden ist groß. Fast täglich wetterte Iraks Ministerpräsident Haidar al-Abadi, das Referendum sei verfassungswidrig. Ihn treibt die Angst um, ausgerechnet in seiner Amtszeit könnte der Irak auseinanderbrechen. Ein Anführer der mächtigen Schiitenmilizen, Hadi al-Amiri, warnte sogar, die Volksabstimmung könnte zu einem neuen Bürgerkrieg führen.

Vor allem aber die großen Nachbarn Türkei und der Iran üben massiven Druck auf die Kurden aus, weil sie befürchten, die Absetzbewegungen ihrer eigenen kurdischen Minderheiten könnten Nahrung erhalten. Um Barsani ein Warnsignal zu geben, begannen türkische Truppen an der Grenze zum Irak mit einem Militärmanöver. Präsident Recep Tayyip Erdogan droht mit Sanktionen, die "keine gewöhnlichen" sein würden.

Selbst die USA, eigentlich ein enger Verbündeter der Kurden, stellen sich gegen das Referendum. Das Weiße Haus kritisierte die Pläne als "provokant und destabilisierend". Washington argumentiert, erst müsse die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak besiegt sein, dann könne über eine kurdische Unabhängigkeit gesprochen werden.

Doch dieses Argument will der kurdische Analyst Saro Qadir nicht gelten lassen. "Der Kampf gegen den Terror wird noch Jahre dauern", sagt der Berater von Präsident Barsani.

Vor dem Referendum verschärfte der Iran die Sicherheitsvorkehrungen an seinen Grenzen. Der iranische Nationale Sicherheitsrat gab am Sonntag bekannt, dass auf Wunsch der Zentralregierung in Bagdad der Luftraum zum Nordirak geschlossen und alle Flüge nach Suleimanija und Erbil bis auf Weiteres gestrichen worden seien. Das berichtete die Nachrichtenagentur Tasnim. In den iranischen Grenzprovinzen West Aserbaidschan und Kurdistan veranstalteten die Revolutionsgarden ein Militärmanöver.

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Kirkuk (dpa/uf) Kurz vor dem umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum der Kurden im Nordirak wächst die Spannung in der Region. Bei der Explosion einer Bombe südlich der Stadt Kirkuk wurden am späten Samstagabend vier kurdische Peschmerga-Kämpfer getötet, teilte die irakische Polizei am Sonntag mit. Sieben Peschmerga wurden verletzt.