Diepolitische Kontrolle hat die sowohl von Irak als auch von derTürkei abgelehnte Demokratische Partei Kurdistans. Von Faisawasind die irakischen Soldaten seit kurzem nur noch einenKatzensprung entfernt. Mit dem Fernglas können die Bewohner desDorfes sie auf dem gegenüberliegenden Hügel erspähen.
Vor zwei Wochen deponierten die Soldaten dort Mörsergranaten undMaschinengewehre, vergangenes Wochenende waren in Faisawa Schüssezu hören. Einmal benutzten die Iraker sogar Schafe alsZielscheiben. Außerdem seien regelmäßig Hubschrauber über derGegend zu hören, berichten Einwohner.
Faisal Rahem will nicht warten, bis es zu spät ist. "Wenn dieIraker uns mit Chemiewaffen angreifen, sind wir die erstenOpfer", sagt der 36-jährige Familienvater. Wird der Traktor nichtauf dem Feld gebraucht, steht er stets samt Anhänger fahrbereitvor der Haustür. Auch Vorratskisten mit Zucker, Mehl und Speiseölsind schon gepackt. An 21 Familienmitglieder muss Rahem bei derVorbereitung der Flucht denken, unter ihnen seine 14 Kinder undzwei Ehefrauen. Seinen Kindern hat er eingebläut, wie sie sichhelfen sollen, wenn sie bei einer überstürzten Flucht denAnschluss verpassen: "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen immerzusammenbleiben und nach Schamschamal gehen, und dass sie sichjedem anschließen sollen, den sie auf dem Weg dorthin treffen."
Auch Faisawas Bürgermeister Mohammed Abdulkreem rät zur Flucht inden größeren Ort Schamschamal. Die Flüchtlinge sollten sich aberin Grüppchen aufteilen und verschiedene Richtungen einschlagen,um keine Angriffsfläche zu bieten, sagt er. Einem Angriff mitchemischen Waffen wären die Dorfbewohner schutzlos ausgeliefert."Wir haben keine Gasmasken oder Plastikplanen bekommen", sagt derBürgermeister. Die würden vermutlich ohnehin nicht mehr helfen,schränkt er ein. Aber bei einem Angriff mit konventionellenWaffen könne sich sein Dorf selbst verteidigen, sagt der41-Jährige und schickt ein paar Kinder los, den Waffenbestand desDorfes zu holen. Wenig später präsentieren die KinderKalaschnikows, zwei tragbare Raketenwerfer und eineMörsergranate. Wie die Rahems bereiten sich andere Familien aufdie Flucht vor.
Sardar Abdulkreem will aber auf jeden Fall bis zum letzten Momentin Faisawa bleiben, denn schließlich muss er sein Feld bestellenund sich um das Vieh kümmern. "Das ist meine Arbeit. Außerdem istdas unser Stück Land", sagt der 33-Jährige.
Wer keinen fahrbaren Untersatz hat, verlässt das Dorf schonjetzt. "Wie sollten wir hier unter Beschuss wegkommen?", fragtHatam Rostam, kurz bevor er die Flucht antritt. Sein Vieh hat erim Nachbardorf untergebracht und seine Familie nach Schamschamalgeschickt. Dass die größere Ortschaft sicher ist, wird dortallerdings bezweifelt. Die Behörden haben den Frauen, Kindern undalten Menschen geraten, im Kriegsfall in Dörfer zu fliehen, dieweiter im Zentrum des Kurdengebietes liegen. "Schamschamal wirdals erstes bombardiert", sagt ein Offizier. Gegen die Dörferwerde die Gegenseite nicht mit Raketen vorgehen, ist erüberzeugt. Am meisten Angst haben die Kurden aber nicht etwa vorder irakischen Armee, sondern vor der Türkei. In Sacho, ganz inder Nähe der türkischen Grenze, sind die Türken gefürchteteGegner. "Wir liegen wie in einem Sandwich zwischen d en Türkenund den Irakern. Aber Saddam Hussein ist momentan in derdefensiven Position, während die türkische Regierung ihreagressiven Parolen verstärkt", sagt Safar Ibrahim von derDemokratischen Partei Kurdistans.