Besucher, die durch den Branitzer Park flanieren, halten verdutzt inne, wenn sie hinter den Fenstern des klassizistischen Torhauses Licht sehen. Im Schein der Lampen beugt sich da ein junger Mann über Skizzenblätter und Entwürfe, umgeben von Utensilien fürstlichen Alltags. Ein Streich der Fantasie, der Bilder aus dem Leben Pücklers vorgaukelt?
Spätestens, wenn der junge Mann sich weg von den Skizzen, hin zu Laptop und Handy wendet, hat der historische Spuk ein Ende: Höchst real ist das Bild. Es zeigt dem Besucher den Arbeitsplatz des Architekten, Gestalters und Ausstellungsmachers Enrico Oliver Nowka.
„Eine noble Adresse, der Branitzer Park, damit kann man auch in München oder Hamburg etwas anfangen“ , lächelt der Cottbuser. Er weiß, wie viele Parkbesucher ihn um sein privilegiertes Arbeitszimmer mit der schönen Aussicht auf den Park beneiden. Von der Enge und der ständigen Kälte in dem 150 Jahre alten Bau wissen sie nichts - Schattenseiten eines „Torhausbüros“ . Wie Nowka überhaupt dorthin gekommen ist, was ihm der Park bedeutet - und welchen Nutzen die Parkstiftung umgekehrt von seinen Aktivitäten hat, davon später mehr.
Geboren wurde Nowka 1971 in Cottbus, hier ging er zur Schule und absolvierte eine Ausbildung zum Telekommunikationselektroniker. An der Abendschule holte er sein Abitur nach, studierte an der BTU Innenarchitektur und legte zwei Auslandsaufenthalte in Helsinki sowie - wen wundert's - Oberitalien ein. Beide Male arbeitete er in Büros international anerkannter Architekten und nahm dankbar auf, was sich an Einflüssen bot.
„Wissen, Kultur, Landschaft, Klima, gerade in Italien war das natürlich fantastisch“ , schwärmt Nowka bis heute von seinen Erfahrungen in Locarno. Nach seinem Diplom und einer einjährigen „Findungsphase“ mit erfolglosen Versuchen, beruflich Fuß zu fassen, kehrte er nach Italien zurück, um sich dort eine Zukunft aufzubauen.
Eine Arbeitsstelle fand er damals zwar nicht, aber er traf den Mann, der sein Mentor und Lehrmeister werden sollte: Klaus-Jürgen Sembach, Jugendstil-Experte und einer der erfahrensten Ausstellungsmacher des Landes. Er nahm den jungen Kollegen an die Hand, zeigte ihm die wichtigsten Museen Europas - und gestaltete mit ihm gemeinsam die erste große Ausstellung. „Preußische Tugenden“ , 2001 auf Schloss Neuhardenberg gezeigt, war Nowkas Einstieg ins Metier. Die kommenden drei Jahre blieb er mit Sembach eng verbunden, dann aber, so sagt er, wurde es Zeit, auf eigenen Beinen zu stehen.
Kunstgewerbe-Ausstellungen in Bayern, Gottfried Semper in Halle, Hedwig Bollhagen, Karl Friedrich Schinkel stehen heute auf seiner Ausstellungsliste. „Eine richtige kleine Erfolgsgeschichte“ , sagt Nowka selbst über die vergangenen Jahre - ein Erfolg, den er neben Wissen und dem Gespür für Räume einem fast fotografischen Gedächtnis verdankt. Gut zuhören sollte ein Ausstellungsmacher, sich auf den Kern einer Sache beschränken und neben all dem auch noch gut organisieren. „In der Endphase eines Projektes müssen wir oft Kuriere von mehreren Dutzend Museen mit ihren Exponaten gleichzeitig betreuen und punktgenau abwickeln. Da dürfen wir uns keine Pannen und Verzögerungen erlauben.“ Die Einladungen zu einer Eröffnungsfeier sind schließlich längst gedruckt - und welches Museum würde sich die Blöße geben, seine honorigen Gäste quasi auf eine Baustelle zu bitten?
Stress ist also im Berufsalltag programmiert, und so war der Cottbuser Nowka froh, als ihm die Branitzer Parkstiftung vor zwei Jahren ein stilvolles, abgeschiedenes Arbeitsdomizil anbot: eben jenes Torhaus am Rande des Pücklerschen Gartenkunstwerkes. „Die Stiftung, für die ich schon öfter gearbeitet hatte, wusste, dass sie mir damit einen Anreiz bot, in der Region zu bleiben“ , erklärt der Künstler. „Im Gegenzug konnte ich meine Idee zur besseren touristischen Nutzung des Hauses einbringen - ein nutzbringendes Abkommen für beide Seiten.“
So räumte Nowka die lange Jahre ungenutzten Räume auf, dekorierte sie stilecht mit Accessoires aus dem Schloss, stellte eine italienische Espressomaschine auf und bewirtet an den Wochenenden Gäste, die nach einer „Torhausführung“ durch den Park das Innere des verwunschenen Gebäudes erkunden wollen.
„Es ist wunderbar entspannend, hier zu arbeiten. Schwirrt mir bei der Vorbereitung zu einem Projekt der Kopf, kann ich kurz vom Schreibtisch aufstehen, eine Parkrunde drehen und schon sind die Gedanken wieder frei.“
Die Spannung, die aus dem Wechsel zwischen Großstadt und Provinz entsteht, aus Kulturgenuss und Natur, aus Malerei und Musik, diese Spannung sucht er sehr bewusst. Er pflegt seinen eigenen Garten ebenso sorgsam wie etwa die Freundschaft zum Cottbuser Maler Hans Scheuerecker. Große Projekte in Berlin oder Potsdam betreibt er mit der gleichen Akribie wie die Hilfe bei der Sanierung des Schlosses in Drebkau (Spree-Neiße).
Beruf und Hobby sind also eins geworden, wobei die Frage nach dem tieferen Sinn seines Tuns schwer zu beantworten ist - oder eben wieder ganz leicht. „Weil man einfach etwas tun muss“ , sagt Nowka. Wegen des Geldes - und weil der Mensch so gestrickt sei, das er sich seinen Sinn im Tätigwerden schaffe. „Zumindest, wenn er dazu eine Chance bekommt.“