Im vergangenen Advent zog ein frierender Schüler aus Sibirien das große Los: Der Fünft-klässler Pawel Schwedkow aus der Kleinstadt Ust-Kuta durfte bei einer landesweiten Fragestunde Präsident Wladimir Putin telefonisch seine Klage über die im Winter unbeheizte Schule vorbringen. Überstürzt reparierte die örtliche Verwaltung daraufhin den defekten Heizkessel. Wenn Putin heute im Fernsehen erneut seinen nationalen Kummerkasten öffnet, wird die Schlange der Bittsteller lang sein.

Alle Hoffnungen bei Putin
Selbst 85 Jahre nach dem Ende des Zarentums und mehr als ein Jahrzehnt nach dem Scheitern der Sowjetmacht ist das Vertrauen der Bürger in gewählte Kommunalpolitiker, Gouverneure und Duma-Abgeordnete gering. Die Hoffnung von Millionen verarmter Renter, wohnungsloser Armeesoldaten oder miserabel bezahlter Lehrer ruht auf dem Staatsoberhaupt. Nur wenn der Herrscher im Kreml ein Machtwort spricht, komme der schwerfällige und korrupte Beamtenapparat in Bewegung, glauben viele.
"Russland ist groß und der Zar ist weit", lautet ein altes Sprichwort. Mit welchem Eigensinn mancher Gouverneur in seinem Sprengel selbst gegen den Willen des Kremls regiert, hat nun auch die Bundesrepublik erfahren müssen. Ein mit deutschen Spendengeldern gebauter Soldatenfriedhof bei Twer soll umgesiedelt werden, weil der örtliche Gouverneur mit politischen Ressentiments Wahlkampf führen will. Selbst der ausdrückliche Wunsch Putins, den Friedhof für deutsche Wehrmachtssoldaten in der Stadt Rschew zu belassen, stieß im Gebiet auf taube Ohren.

Fragenlotterie
Bei der ersten Fragestunde des Präsidenten im Vorjahr meldeten sich über Telefon, Internet und bei Live-Schaltungen fast 500 000 Menschen mit ihren Sorgen und Nöten. Wie in einer Lotterie schaffte Putin die Beantwortung von 47 ausgewählten Fragen.
Darunter war auch die Bitte einer Frau aus dem südrussischen Gebiet Krasnodar, ihr Dorf endlich an die nahe gelegene Gaspipeline anzuschließen.
Vor laufenden Kameras erbat Putin sich und seinen Mitarbeitern ein paar Minuten Bedenkzeit. Dann verkündete er mit zufriedener Miene, jenes Dörfchen Kasatsche Maljowanny werde innerhalb von vier Wochen mit Gas versorgt werden.
Ein Kamerateam des privaten Fernsehsenders TWS fuhr kürzlich zur Kontrolle in den Ort 1000 Kilometer südlich von Moskau. Spezialisten hatten tatsächlich in hektischer Eile eine Abzweigung von der Gaspipeline in das schäbige Dorf gelegt. Aber die alten Mütterchen müssen weiterhin Holz für ihren Ofen hacken. Bis heute fehlt ein Anschluss der Holzhäuser entlang der matschigen Dorfstraße an die Kommunalleitung, weil die Dorfbewohner dafür kein Geld haben. Hauptsache, der Präsident hielt sein Wort, das Gas nach Kasatsche Maljowanny zu bringen.

Inszenierte Volksnähe
Bei aller Kritik am Medienspektakel um eine inszenierte Volksnähe Putins darf sich der Kreml zugute halten, die Fra- gestunde im Winter abzuhalten. Das ist äußerst mutig. Denn bei minus 30 Grad und maroden Heizkraftwerken in Sibirien, streikenden Kommunalarbeitern auf Kamtschatka und protestierenden Lehrern in Irkutsk ist die Stimmung im Land äußerst frostig.
Ob Volkes Zorn heute tatsächlich über den Präsidenten hereinbrechen wird, hängt vor allem von der Auswahl der Fragen ab. Der Krieg im eigenen Land schien im Vorjahr nur wenige Anrufer beunruhigt zu haben.
Die im Westen häufig gestellte Frage, wann Putin endlich ein Einsehen mit dem Kaukasus habe und das tschetschenische Blutvergießen beende, fand sich in der Auswertung der Fragen nicht wieder.