Phyllis Lyon (79) und Del Martin (83) sind seit über 50 Jahren zusammen. Jetzt durfte das lesbische Paar sich endlich das Ja-Wort geben. Der neue Bürgermeister von San Francisco, Gavin Newsom, hatte es den beiden erlaubt - und sich damit über die kalifornischen Gesetze hinweggesetzt. "Wir sind verheiratet", strahlte Martin nach der Zeremonie, mit der erstmals ein gleichgeschlechtliches Paar in den USA heiratete. Mit dieser standesamtlichen Demons-tration in San Francisco wurde die Debatte um die Homo-Ehe in den USA weiter angeheizt - sie wird auch im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielen.
Ob die Homo-Ehen von San Francisco gültig sind, werden erst die Gerichte zu entscheiden haben - konservative Gruppen wollen mit allen juristischen Mitteln dafür kämpfen, dass die Ehe in Kalifornien eine Angelegenheit zwischen Mann und Frau bleibt. Zweiter geografischer Brennpunkt der Debatte ist Massachusetts, wo das Oberste Gericht im November die Homo-Ehe gebilligt hatte: Ab dem 17. Mai dürfen schwule und lesbische Paare in dem Neuenglandstaat heiraten. Das Regionalparlament debattierte in den vergangenen Tagen erbittert über eine mögliche Verfassungsänderung zum Verbot der Homo-Ehe, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen. Das Verbot könnte aber ohnehin nicht vor 2006 in Kraft treten.
Schon jetzt nimmt die Debatte um die Homo-Ehe die Züge eines Kulturkampfes an, ähnlich der früheren Auseinandersetzungen um die Abtreibung. "Ohne starke Ehen als unsere Grundlage wird unsere Nation einen vernichtenden Schlag erleiden", wettert das Family Research Council - und "starke Ehen" sind für die konservative Organisation natürlich nur die zwischen Mann und Frau.

Fortschritt Zivilgemeinschaft
Die Schwulen- und Lesbenbewegung in den USA hat zwar in den vergangenen Jahren beachtliche Fortschritte erzielt: In Vermont gibt es seit vier Jahren die "civil union" (Zivilgemeinschaft), die zwar nicht den selben Rang wie die Ehe hat, Homosexuelle jedoch etwa bei Erbschaften, der Krankenversicherung und Krankenhausbesuchen gleichstellt. In anderen Staaten gibt es die Gleichstellung zumindest in einigen Bereichen; und der Oberste Gerichtshof erklärte im vergangenen Juni gleichgeschlechtlichen Sex für legal.
Die reguläre Ehe unter Homosexuellen wird jedoch laut Umfragen von einer klaren Mehrheit der Bevölkerung weiter abgelehnt - das Thema birgt deshalb Zündstoff für den Wahlkampf. John Kerry, der wahrscheinliche Präsidentschaftskandidat der Demokraten, muss sich darauf gefasst machen, dass die Konservativen ihn zum Feind der traditionellen Ehe stempeln werden. Nicht nur kommt Kerry aus Massachusetts, nicht nur sind die Homosexuellen von jeher eine Klientel seiner Partei - er hatte auch 1996 gegen das von Präsident Bill Clinton unterzeichnete "Gesetz zur Verteidigung der Ehe" gestimmt, das den "civil unions" ihre überregionale Gültigkeit aberkannte. Kerry sucht deshalb einen Kompromiss: Die "civil unions" heißt er gut, die Homo-Ehe lehnt er ab.

Politiker taktieren
Aber auch Präsident George W. Bush muss taktieren. Er hat erklärt, die Ehe sei eine "heilige Institution zwischen Mann und Frau". Doch den einflussreichen christlich-konservativen Bewegungen reicht dies nicht. Sie wollen, dass Bush eine Verfassungsänderung unterstützt, die die Homo-Ehe landesweit verbieten würde. Der Präsident will aber offenbar moderate Wähler nicht durch eine allzu harsche Linie verschrecken: Viele wollten zwar die Homo-Ehe nicht, aber ebensowenig wollten sie, dass "auf Homosexuelle eingedroschen wird", sagt der Politologe John Green von der Uni of Akron in Ohio.
Bush sucht deshalb auf seine Weise den Mittelweg: Laut "Washington Post" will er einen bereits im Kongress beratenen Entwurf unterstützen, der zwar die Ehe von Mann und Frau in der Verfassung verankern, "civil unions" in den einzelnen Bundesstaaten aber durchaus tolerieren würde.
Dass noch ein harter Kampf bevorsteht, verloren auch Phyllis Lyon und Del Martin selbst in den ersten Momenten ihres Eheglücks nicht aus den Augen. "Es gibt viele Feinde dort draußen", sagte Lyon beim Verlassen des Standesamts.