Fabian hat mit seiner ersten Opern-Inszenierung von der ersten Sekunde an eine Verunsicherung geschaffen: Befindet man sich als Zuschauer am Rand der ureigenen Albtaum-Welt oder sitzt man in einer spektakulären Grusel-Jahrmarktsbude und Geisterbahn. Vielleicht ankert die schaudernde Lust am Gespenstischen gerade hier, wo Kunstblut und Styropor, Licht und Bühnennebel die realen Schreckens-Träume der Seele in ihren Verstecken aufspüren.

Die Geschichte von Edgar Allan Poe, in der sich eine untergehende menschliche Kulturtat - das Haus und die Lebensweise des uralten Usher-Geschlechts - mit der feucht wuchernden Natur von Park und Teich verquickt, hat Filmleute und Komponisten inspiriert. 1988 wurde Philip Glass' zweiaktige Oper uraufgeführt; jetzt ist "Der Fall des Hauses Usher" in Cottbus zu sehen. Intendant Martin Schüler gewann mit Jo Fabian genau den richtigen Regisseur dafür. Das Werk mit seiner soghaften Musik, mit seinen sirenenhaften Vokalisen, tenoralen Verführungskantilenen und undurchsichtigen Protagonisten verträgt keinen opernhaften Realismus; irgendetwas zwischen Tanz und surrealer Filmchoreografie musste es sein. Außerdem brachte Fabian das Wunder zustande, zwischen Wahnsinn und Untergang auch Komik einzuschleusen.

Das eigentliche Haus Usher baute Pascale Arndtz. Es ist ein Wunder an Fantasie, das die rissigen Mauern eines schottischen Castles in eine matrix-artige Gitterstellage umschuf. In diesen Käfigen versammeln sich die Aus-Geburten der Schlossbewohner: rattennasige geschwänzte Föten in Formalin-Gläsern. Dort wohnen die letzten degenerierten Mitglieder des Adelshauses der Usher, Roderick und seine Schwester Madeline, dazu Doktor und Diener und William, Rodericks Jugendfreund. In zwei Käfigen liegen Kinder, angeschlossen an Schläuche und Leitungen. Unerkennbar, ob ihnen ihr Lebenssaft abgezapft wird, um Roderick und Madeline am Leben zu erhalten oder ob es Rück-Projektionen auf die beiden sind, wie sie als Kinder mit fremdem Blut am Leben erhalten wurden, mit vitalem Rattenblut. Dien Ratten erobern am Ende das Schloss, aus den Kindern, sehr gut gespielt von Samuel Budich und Annabell Seifert, werden kapitale Exemplare der Nager.

Die Gitterkäfige dienen auch als Gefängnis, in die Usher und William von dem gespenstischen Doktor eingesperrt werden. Dirk Kleinke gab ihn als abgefeimt grinsenden, brutalen Chirurgen und öligen Pastor, am Ende dem Herzinfarkt durch Schreck vor wimmelnden Ratten erlegen. Madeline, das Opfer seiner blutigen Künste, ertrinkt, unablässig singend, in einem überdimensionalen Formalinglas. Debra Stanley war diese liebliche Gestalt mit der durchdringenden Stimme. Roderick Usher, anfangs als verwachsener Gnom mit verkrümmten Armen und herausgestreckter Zunge einem exotischen Götzenbild ähnlicher als einem Menschen, war eine Glanzpartie für Matthias Bleidorn. Erstaunlich und wunderbar, wie sich dieser Sänger in eine solche Un-Gestalt hineinbegab, die am Ende immer rattiger und kräftiger wird, jeden Rest von Leben an sich saugt, auch die Stimme wachsen lässt.

Heiko Walter als der aus der Ferne kommende William, halb Priester mit Rosenkranz, halb lang bemäntelte Gestalt aus "Matrix", wird seiner Energien beraubt, wird schorfiger, verschwollener und scheint es nicht einmal zu bemerken. Die Energieübertragung geht als eine Art Tanz vonstatten. Wie Glass' unendliche melodische Wiederholungen bewegen sich die Sänger im stets wiederholten Gleichmaß der Armbewegungen in immergleichen Schrittfolgen über die Bühne, bis wie in der Musik ein neuer Zustand erreicht ist.

Auf halbem Wege steigen William und Roderick mal kurz aus dem Unter-Gang aus. Eine Zigarrenpause muss möglich sein.

Sterben oder Ratte werden ist am Ende für alle die Alternative. Die Ratten werden überleben, zäh und in den Resten des untergegangenen Hauses Usher. Der von Anfang an rattengesichtige Diener, Thomas Pöschel, wird siegen. Er hackt auf eine altmodische Schreibmaschine ein. Heraus fließt die Geschichte vom Untergang des Hauses Usher.