Es ist ein Gefühl wie bei einem Klassentreffen. Immer wieder muss Oliver Breite in Cottbus Hände schütteln, gibt es freudige und überraschte Ausrufe: "Wieder da!?" Vor zwölf Jahren hatte er Abschied von Cottbus genommen, um sich auf den verschiedensten Theaterbühnen auszuprobieren und Filme zu drehen. Schon 1997 empfahl sich der Max-Grünebaum-Preisträger in Dresens Kinofilm "Nachtgestalten".

In "König Lear" und im "Heimat-Spektakulum gab er unlängst in Cottbus Gastrollen. Nun aber wird er mit der neuen Spielzeit wieder fest im Ensemble arbeiten.

Es ist wie ein Nach-Hause-Kommen: Er kennt den Ort, die Leute. Man muss einander nicht lange erklären, wie man denkt und tickt.

"Eigentlich ist es nicht mein Ding, eine Sache zweimal zu machen. Aber es ist nicht dasselbe wie Mitte der 90er-Jahre", widerspricht sich Oliver Breite selbst: "Es ist eine andere Zeit, ein anderer Fluss, ein anderes Stück. Der Ole Bienkopp, den ich vor 16 Jahren hier spielte, war noch von Unschuld umgeben."

Unwiederbringliche Poesie

Das zweiteilige Uraufführungsprojekt "Der Laden" nach Motiven von Erwin Strittmatters Romantrilogie unter der Regie von Mario Holetzeck indes kommt mitten in den Auseinandersetzungen um das widerspruchsvolle Leben des Lausitzer Schriftstellers auf die Bühne des Staatstheaters Cottbus.

Und doch hat Oliver Breite die Rolle des Esau Matt gereizt. Die Bühnenfassung von Holger Teschke zeichnet den speziellen Weg nach, den Esau Matt geht, um in widersprüchlichen Zeiten zu überleben und sucht dabei nach Gründen und Mechanismen, die zur Verdrängung von Erinnerungen und Erlebtem führen.

Das Stück beginnt, als Esau Matt, Alter Ego Strittmatters, sieben Jahre alt ist und endet mit dem Rückblick des 70-Jährigen. Und immer bleibt Oliver Breite Esau Matt.

Wie kann man mit fast 50 ein Kind spielen? "Es ist ein Spiel. Dabei geht es nicht um die Form, sondern darum: Wie denkt ein Kind, wie fühlt es? Man muss sich erinnern, dann vergisst man die Größe und die Schwere, weiß plötzlich, was einem als Kind wichtig war", sagt Breite, der Esau dankbar ist, dass er es ihm gestattet, sich mit seinem eigenen kindlichen Ich auseinanderzusetzen und mit den Fragen: Wozu lebe ich? Woher kam jener Zustand von Schwerelosigkeit und Poesie in der Kindheit und Jugend, der uns heute so unwiederbringlich erscheint?

Vor einigen Jahren hat der Schauspieler den Namen seiner drei Kinder angenommen. "Breite, das hat etwas Raumgreifendes", sinniert er dem Namensursprung nach. Gemeinsam mit seiner Frau Corinna, die auch am Cottbuser Staatstheater engagiert war, leben sie am Beetzsee bei Brandenburg. Oliver Breite mag das Leben auf dem Lande. "Es erdet sehr", sagt der gelernte Maurer, der sich im eigenen Haus sehr wohlfühlt.

Und er, der manchmal auf der Straße am liebsten gar nicht erkannt werden will, fühlt sich auch auf der Bühne wohl. "Ich habe ein sehr genaues Gespür dafür, wenn mich die Zuschauer verstehen. Dann fühle ich mich nicht allein." Schmerz, Verlassenheit, Verrat sind für Breite noch keine Legitimation für Kunst: "Kunst wird geboren, wenn man gar nicht anders kann. Es ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit."

Was Bestand hat

An Aufmerksamkeit mangelt es dem Lausitzer Dichter Erwin Strittmatter (1912 - 1994) im Vorfeld seines 100. Geburtstages nicht. "Mir aber ist wichtig: Wir bringen den ,Laden' auf die Bühne, nicht ,Strittmatter und die SS' oder ,Stritt'- matt - Er?'. Mich interessiert das Werk. Auch dort, wo es schweigt. Natürlich kann ich dabei den Zeitgeist, die spannenden Diskussionen um Strittmatters Biografie nicht völlig aussperren. Aber ich möchte mich nicht erheben, distanzieren, sondern Fragen stellen", sagt Oliver Breite.

Schwarzbrotschwere Sprache

Ihn bewegt: Wird die Anderthalbmeter-Großmutter in Strittmatters "Laden" eine andere, weil ihr Schöpfer manchmal mutig, manchmal feige war? Über Stevensons Biografie wisse er wenig. Aber mit Robinson sei er groß geworden. Und die göttliche Musik Mozarts hat Bestand, auch wenn der berühmte Komponist ein schwieriger Charakter gewesen sei.

Genauso ergeht es ihm mit dem "Laden". Es sei wohl Strittmatters bestes Werk, glaubt Breite. Eine Familiengeschichte aus der Niederlausitz voller Humor, Komik und Lebenswitz - Folie für die Tragik, den Schmerz, die Risse zwischen den Zeitläufen.

Die Theaterbesucher, jeder von ihnen selbst ein Familienexperte, werden Spannendes, Liebenswertes und Berührendes zu hören bekommen. Es geht um "das Recht der kleinen Leute auf kleine Verhältnisse", wie es der Publizist Günter Gaus einmal umschrieben hat. Strittmatter ziehe dabei in die kleine Welt die große hinein, hat Breite herausgelesen: "Das Werk in all seiner Schönheit und Zerrissenheit auf die Bühne zu bringen, ist das, was Theater leisten kann. Und es ist auch eine Einladung, hinter den Dingen mehr zu sehen, als allgemein ausgemacht ist, wie es der alternde Esau Matt formuliert."

Diesem Absonderlichen war der Schauspieler auch schon mit "Ole Bienkopp" auf der Spur, suchte es im "Schulzenhof" und im "Laden" in der Bohsdorfer "Heede", in dem "kleinen Punkt auf der Sonnenseite des Apfels." Besonders angetan hat es ihm die Sprache des Dichters, die Breite als "schwarzbrotschwer" beschreibt. "Sie liest sich so schön, aber man kriegt sie nicht in den Mund", verrät er. Zeitchen vergeht, und er kriegt sie in den Mund. "Und dann entfaltet sich ihre ganze Schönheit."

Es ist eine Sprache, die nicht alltäglich sein will und somit auf die Theaterbühne passt. "Wenn Theater sich dem Film annähert, interessiert es mich nicht", sagt der Schauspieler, der sich auch im Fernsehen längst einen Namen gemacht hat. Gerade war er zu Dreharbeiten für "Sonne in der Nacht" an der Ostsee. Auch ein Bremer "Tatort" mit Oliver Breite als Vater einer ermordeten Tochter wird im September zu sehen sein.

Festlegen, wo er im nächsten Jahr sein wird, will sich der in Berlin geborene Schauspieler nicht: "Aber hoffentlich unterwegs. Vielleicht segele ich einfach mal über Polen nach Finnland?"

Zum Thema:
Für die Premiere "Der Laden. Erster Abend" am 9. Juni, 19.30 Uhr, sowie die nächsten Vorstellungen am Mittwoch, 13. Juni, Dienstag, 19. Juni und am Samstag, 23. Juni, jeweils 19.30 Uhr, gibt es noch Restkarten. Tickets unter Telefon: 0355/7824 2424.