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Zwischen Nahtod und Bonobo-Werbung

Paul Panzer spielt mit fliegender Kuh verrückt.
Paul Panzer spielt mit fliegender Kuh verrückt. FOTO: Tino Schulz/tsz1
Cottbus. Unglaublich, doch aus eigenem Erleben zu bestätigen: Die Cottbuser Stadthalle wurde am Donnerstagabend und dann noch einmal am Freitag Schauplatz einer "Invasion der Verrückten". Angeführt wurden sie – allein am Donnerstag waren es 1900 – von einem gewissen Paul Panzer. Renate Marschall

Von Beruf ist der Mann Comedian, man könnte auch sagen Kabarettist - was er macht, changiert zwischen beidem. Das mit dem Verrücktsein ist also nicht so ernst gemeint - oder doch? Jedenfalls weist alles während des mehr als zweistündigen Programms darauf hin. Auch wenn ein Raumschiff mit fliegender Kuh Teil des Bühnenbildes ist - das Verrücktsein scheint irdisch und menschlich. Wir sind halt merkwürdige Wesen, voller Schwächen und Ängste. Allein, was Paul Panzer da in seiner eigenen Familie erlebt. Seine Frau Hilde zum Beispiel hat Angst vor Spinnen. Wie die Reaktion im immer wieder mitspielenden Publikum zeigt, ist sie damit nicht allein. Das Phänomen ist vorwiegend weiblich. Und Panzer bezieht aus Hildes Angst Glücksmomente - wenn er hinter ihr in den Keller steigt, kurz das Licht löscht und fragt: Sind das deine acht Augen, die mich anschauen? Komischerweise fanden das vorwiegend Männer lustig. Überhaupt hat seine Frau 'ne Menge auszuhalten. Ihre Angst vor dem Tod animiert ihn, sie nach einer Pilzmahlzeit im entsprechenden Faschingskostüm zu erschrecken. Einziges Problem: Wo kriegste heute noch 'ne Sense her? Ist ja nicht dasselbe, so'n Rasentrimmer in Orange. . .

Hilde sei esoterisch, behauptet der Gatte. Bei dem Mann wahrscheinlich die letzte Rettung, auf Wiedergeburt zu hoffen. Ein guter Mensch hätte ja die Chance, als etwas Erhabenes auf die Welt zu kommen: Löwe, Tiger, Elefant. Wenn nicht, wird es wohl eher Bettmilbe, Silberfischchen auf dem Bahnhofsklo in Dresden oder Eintagsfliege - brauchst du erst gar keine Termine zu machen.

Um dem Publikum zu verdeutlichen, wie Hilde bei ihrem Nahtod-Erlebnis unter der Decke schwebte, scheut Panzer keine Anstrengung. Wenngleich die artistische Einlage nicht ganz freiwillig war. Eigentlich wollte er ja nur auf die Bank klettern und den Schritt auf die danebenstehende Mülltonne nur andeuten. Aber den Zuruf "Feigling" ließ er dann doch nicht auf sich sitzen. Als er wieder runter wollte, wünschte er sich dringend eine Pause - war aber noch nicht so weit. . . "Ich könnte im nächsten Leben eine Gazelle werden", behauptete der Comedian nach dem fulminanten Abgang.

Dann geht es noch über die schlechten deutschen Serien her und über die Werbung. Hubba Bubba scheint sich an Bonobos zu wenden und Bifi heißt so, weil Wurst im Sack sich schlecht verkauft.

Panzer sinniert über den Kreislauf des Lebens, die erwachsen werdenden Kinder - die während der Pubertät zu Fremden mutieren, wenn alles gut läuft, aber wieder in den Schoß der Familie zurückkehren. Er holt vor allem die Männer im Publikum mit dem Gefühl ab, die Tochter, die kleine Prinzessin, beschützen zu müssen. Du holst sie von der Disco ab, kriegst die meisten Typen auch umgeleitet (eindeutige Handbewegung) - aber alle kriegst du nicht. Zum Beispiel den 18 Jahre älteren Yogalehrer, der in Panzers Küche einen grünen "Schmuzie" mixen wollte. "Ich will keine Schmuzies, höchstens, wenn sie nach Frikadellen schmecken." Extralacher erntet Paul Panzer immer wieder für seine Wortakrobatik, die auf seinem zur Bühnenfigur gehörenden S- und Z-Sprachfehler beruht.

Die Alten stehen am Ende des Kreislaufes. Meist sind sie nervig. Liegen wie ein Gecko im Fenster - "ich warte auf den Augenblick, wo mal eine Libelle vorbei kommt", lauern auf ihr Wägelchen gestützt im Supermarkt auf ein Gesprächs-Opfer und gehen zum Arzt der Unterhaltung wegen. Auch die Jungen bleiben nicht verschont. Sohn Bolle weiß, wie viele andere, nicht mehr, wo die Lebensmittel herkommen. Er glaubt, Fischstäbchen werden so gefangen. Dass sie viereckig sind, komme vom Netz.

Witzig, punktgenau, intelligent, schwarzhumorig geht es um die Dinge des Lebens und darum, wie schwer wir uns damit tun und es anderen machen.

Das Programm von Paul Panzer, der im richtigen Leben Dieter Tappert heißt, ist nicht vordergründig politisch, und doch steckt darin viel tiefgründiges Nachdenken über die Gesellschaft, die wir alle sind. Solange wir nur ein bisschen verrückt sind, uns dessen bewusst und über uns selbst nachdenken und lachen können, besteht Hoffnung. Beim Publikum in der Stadthalle muss man sich da keine Sorgen machen. Mehrfach bescheinigt ihm der Comedian, wie "grozartig" es ist, auch weil es zwischen den Zeilen zu lesen versteht. Gelernt ist eben gelernt.

Zum Thema:
Siegmar und Margitta Paul aus Jänschwalde: Uns hat es sehr gut gefallen. Wir haben die Karten von den Kindern zu Weihnachten geschenkt bekommen. Das Programm ist dem Leben abgeschaut, sehr witzig. Rainer Sander aus Kolkwitz: Meine Frau und ich haben das vorige Programm schon gesehen. Uns gefallen die Geschichten, die Paul Panzer erzählt und es ist schön, ihn live zu erleben.Karina Jank aus Luckau: Wir haben die Karten gewonnen und finden das Programm toll, aus dem Leben gegriffen. Die Lachmuskeln werden strapaziert.