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| 08:25 Uhr

Zwischen künstlerischem Anspruch und Ideologie

Eigentlich sind es auch Streiflichter seines Lebens, die Hans Müncheberg mit der Ausstellung aus 39 Adlershofer Fernsehjahren aufblitzen lässt. Zu vielen der Fotos, die zum Teil aus seinem eigenen Archiv stammen, weiß er eine Geschichte. In seinen Erzählungen fügen sich die großen Namen des DDR-Films und Fernsehens mühelos zu einer langen Reihe. Hans Müncheberg, Jahrgang 1929, war von 1953 bis 1992 – zwischen Aufbau und Abwicklung also – Dramaturg und Autor beim Deutschen Fernsehfunk, der später dank des kalten Krieges zum Fernsehen der DDR mutierte. Renate Marschall

Er hat selbst Fernsehgeschichte geschrieben, nicht nur aufgeschrieben in seinem Buch "Blaues Wunder aus Adlershof". Den Fernsehdramatiker Helmut Sakowski, dem wir so eindrucksvolle Fernsehromane wie "Wege übers Land" oder "Daniel Druskat" verdanken, holte Hans Müncheberg aus dem Wald. Sakowski war Förster in Krumke bei Osterburg. Und Günter Görlich war vor seiner Karriere als Autor Ausbilder in Ludwigsfelde. Aber das waren schon die Jahre nach dem Anfang.

Am 21. Dezember 1952 – Stalins Geburtstag – ging der Deutsche Fernsehfunk zum ersten Mal auf Sendung, wenngleich er damals noch Fernsehzentrum Berlin hieß. Gesendet wurde täglich zwei Stunden. Eine Nachrichtensendung, die eher einem Lichtbildervortrag glich, und Kurzfilme, die vor allem die Bedingung erfüllen mussten, auf eine Filmrolle zu passen. Es stand dafür nur ein Normalfilmprojektor zur Verfügung. Der erste Spielfilm, erinnert sich Hans Müncheberg, war das Märchen "Die steinerne Blume", eine sowjetische Leihgabe, getauscht gegen drei Flaschen Wodka. Die erste eigene "Verfilmung" war "Der hessische Landbote", und die erste heitere Szenenfolge fürs Fernsehen schrieb der legendäre Heinz Quermann mit "Und wehe wenn sie losgelassen". Schauspieler agierten in einem Behelfsstudio. Wiederholungen bedeuteten Wiederholung des Spiels, Aufzeichnungstechnik gab es noch nicht. Theater im Fernsehen. Das neue Medium war noch dabei, sich seine eigenen technischen wie künstlerischen Mittel zu erschließen. Es regierte der Mangel, was in Adlershof nicht immer so bleiben sollte. Es gab Jahre mit opulenten Fernsehfilmen und Literaturverfilmungen. Bei vielen war Hans Müncheberg als Dramaturg und Drehbuchautor beteiligt. So bei "Die große Reise der Agathe Schweigert", "Das Schilfrohr" und "Die Verlobte", der den Grand Prix beim Filmfestival Karlovy Vary und zahlreiche andere Preise errang. Für den Mehrteiler "Wege übers Land", der 1968 ins Fernsehen kam, hatte Hans Müncheberg mit Helmut Sakowski die Grundkonstellation erarbeitet.

Zu den Sternstunden gehörten auch "Sachsens Glanz und Preußens Gloria" von 1985. Dagegen standen Filme wie "Ernst Thälmann". Im Parteiauftrag entstanden, auf Beschluss des SED-Politbüros: "Das Fernsehen der DDR hat mit all seiner Kraft und unter allen Umständen bis zum Frühjahr 1986 einen mehrteiligen Spielfilm über Ernst Thälmann vorzubereiten und fertig zu stellen" Und so war der Film dann auch.

Was der Abteilung Fernsehdramatik widerfuhr erfolgte in noch direkterer Weise bei der Publizistik. Am stärksten zu spüren bekam das eine Sendung wie "Prisma", die sich ziemlich nah an die DDR-Realität heranwagte – sogar kritisch. "Panorama" für den Osten schwebte dem Dokumentaristen Gerhard Scheumann vor. Und es funktionierte. "Die Sendung wurde als Ausnahme von der Regel von den Zuschauern angenommen", so Müncheberg. Überschüttet wurde sie von Eingaben der Bürger, bekam ein eigenes Büro, um sie zu bearbeiten – auch für das MfS. Mit allerhöchster Schelte geahndet wurden Versuche, sich heiligen Kühen wie der Volksbildung zu nähern. Ein Beitrag, der über ein Mädchen berichtete, das nur wegen einer fünf in Sport nicht zum Pädagogikstudium zugelassen wurde, hatte ein solches Nachspiel, dass Gerhard Scheumann schließlich 1965 um seine Ablösung bat. Für die "Aktuelle Kamera" weiß Müncheberg, gab es immer eine straffe "Anleitung", die war immer Chefsache.

Die Branitzer Ausstellung erinnert an fast Vergessenes: Unterhaltung mit "Da lacht der Bär" und "Ein Kessel Buntes", der anfangs noch drei politisch nicht immer ganz korrekte Dialektiker hatte. Oder an "Herzklopfen kostenlos" mit Quermann, die Kindersendungen "Meister Nadelöhr" und "Professor Flimmrich".

Natürlich nicht vergessen ist der Sandmann, der als einziger das Ende des DDR-Fernsehens in der Nacht zum 1. Januar 1992 überlebt hat. Eigentlich sollte er ja auch "gemühlfenzelt" werden, aber da war dann bei seinen Fans in Ost und West Schluss mit Lustig. Sie haben ihren Sandmann gerettet. Für die anderen Fernsehmitarbeiter gingen die Kameras in dieser Nacht für immer aus, obwohl sie doch gerade jetzt, seit Herbst 1989, das beste Programm aller Zeiten gemacht hatten. Kritisch, spannend, ideenreich. Es bewährte sich als unabhängige öffentliche Einrichtung, dem Medienbeschluss der Volkskammer vom Februar 1990 folgend. Aber Kohls Rundfunkbeauftragter, der Bayer Rudolf Mühlfenzel (CSU), wickelte, ohne rechts und links zu gucken, ab. Hans Müncheberg beschreibt das so: "Diese neue Mündigkeit muss die selbst ernannten 'Väter der Einheit' alarmiert haben. . ."

Dass dennoch manche der in 39 Jahren DDR-Fernsehgeschichte zusammengetragenen Schätze, zu denen Gegenwartsdramatik und Literaturverfilmungen ebenso gehören wie Unterhaltungssendungen, ab und zu über den Bildschirm flimmern, freut den alten Fernsehmacher. Auf Karl-Eduard von Schnitzler kann man freilich gut verzichten, wenngleich auch er in der Ausstellung Platz gefunden hat. In ein Archiv gehört nun mal alles rein. Hans Müncheberg und der Paul-Nipkow-Teleclub, die Exponate für die Ausstellung bereitgestellt haben, bewahren auf, was nach 1992 niemand haben wollte: Zeitzeugenberichte, Skizzen, Drehbücher, Produktionsunterlagen, Figurinen, Szenenfotos, Zuschauerpost. Entstanden sind eine medienhistorische Stichwortkartei und eine chronologische Zentralkartei. Das Filmarchiv gehört nun als unversteuerte Erbmasse den neuen Rundfunkanstalten.

Ausstellung bis 30. Januar, Di. bis So. von 11 bis 17 Uhr; Internet: www.archiv-muencheberg.de