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Zwischen kleinen und großen Biegebalken

Grünebaum-Preisträger 2016 aus dem Staatstheater: Ingo Witzke als Osmin im Mozart-Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" und Tänzerin Greta Dato als Odette im Tanzstück "Schwanenseele" von Gundula Peuthert.
Grünebaum-Preisträger 2016 aus dem Staatstheater: Ingo Witzke als Osmin im Mozart-Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" und Tänzerin Greta Dato als Odette im Tanzstück "Schwanenseele" von Gundula Peuthert. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Mit Händels Feuerwerksmusik sorgte am Sonntag das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus unter Leitung von Evan Christ für den glanzvollen Rahmen bei der Verleihung der Grünebaum-Preise – ein Feuerwerk der Emotionen. Ida Kretzschmar

Diesmal muss bei Prof. Claus Lambrecht, seit zehn Jahren Vorstandsvorsitzender der Max-Grünebaum-Stiftung, sogar der Zylinder herhalten. Denn zwar kann er niemanden aus der Stifterfamilie begrüßen, die aus beruflichen Gründen fern bleiben musste, dafür aber ist Helmut Brannahl, vor 20 Jahren Gründungsvorstand, unter den Gästen. Vor ihm zieht er ebenso den Hut wie natürlich vor den Stiftern, die mit der Max-Grünebaum-Stiftung, dieser Geste der Versöhnung, Brücken gebaut haben von großer Strahlkraft. Und auch für Prof. Lambrecht selbst gibt es eine Überraschung: Für sein ehrenamtliches Engagement wird er zum Ehrenmitglied des Staatstheaters ernannt.

Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch freut sich über die großmütige Förderung der Stiftung für den Nachwuchs der beiden Cottbuser Leuchttürme: "das bedeutendste und schönste Theater im Land Brandenburg" und die BTU, unentbehrlich für die Region als Zukunftsstandort. Dann wird das Geheimnis um die Preisträger gelüftet. Ballettchef Dirk Neumann erzählt, wie er innerhalb einer Woche eine Julia finden musste und so Greta Dato entdeckte, die nicht nur in dieser ersten Rolle am Staatstheater vom Publikum mit großen Ovationen gefeiert wurde. Diesmal ist es ihre Ballett-Truppe, die in der Seitenloge jubelnd die Botschaft hochhält: "We love Greta Dato". Was sie in ihrer Dankesrede gern zurückgibt, hat die ausdrucksstarke Tänzerin hier doch nicht nur ihre besten Freunde gefunden; sondern auch "Jason, den Partner auf der Bühne und im Leben".

Berührende Momente. Preisträger kramen verstohlen nach Zettel oder Smartphone, um ja niemanden in ihrer Dankesrede zu vergessen. Philipp Richter, der mit dem Ernst-Frank-Förderpreis ein Stipendium für die Oxforder Universität erhält, sagt: "In Zeiten von Brexit, Trump und AfD ist es wichtig, dass junge Menschen ihren Horizont erweitern können."

Bass-Sänger Ingo Witzke bekommt von Martin Schüler nicht nur große Anerkennung für seinen "Ausdrucksmarathon" in großen Rollen. Der Intendant gibt auch zum besten, wie Kinder den Zweimetermann gefragt haben, warum er bei seiner Größe nicht Basketball bei Alba Berlin spielt. Hier bekennt er: "Ich spiele nicht bei Alba Berlin, weil Sänger sein mein Traum ist."

BTU-Präsident Prof. Jörg Steinbach lobt, wie Andreas Wurm, mit 30 Jahren zu einem leuchtenden Vorbild für die Zunft der Ingenieure wurde. Prof. Christiane Hipp, Vizepräsidentin für Forschung an der BTU erläutert: Die effiziente Erzeugung von Bewegungen von "mikroskopisch kleinen Biegebalken" spielt in der Doktorarbeit Bert Kaisers eine entscheidende Rolle.

Wie die Theaterplastikerin Claudia Düsing die "Illusionsmaschine Theater" befeuert, macht der Geschäftsführende Direktor des Staatstheaters, Martin Roe der deutlich. Und: Ihre Wurstschaukel, so wird augenscheinlich, könnte durchaus ein Makro-Gegenentwurf zum Mikro-Biegebalken des Nachwuchswissenschaftlers Bert Kaiser sein.

Ein funkelnder Sonntag, auch, weil die Grünebaum-Preisträger des vergangenen Jahres Ariadne Pabst und Johannes Kienast mit köstlichem Spiel den Geehrten ihre Reverenz erweisen.

Mag sein, dass so manche Rede im Überschwang der Gefühle ein wenig auszuufern droht. Vielleicht sollte man sich fürs nächste Mal den Satz des Choreografen Tom Schilling zu eigen machen, an den Ballettchef Dirk Neumann erinnerte: "Rede nicht. Huppe."

Zum Thema:
Der Tuchfabrikant und Cottbuser Ehrenbürger Max Grünebaum (1851-1925) verband als erfolgreicher Unternehmer soziales Engagement und Mäzenatentum in vorbildlicher Weise und förderte zeitlebens das Cottbuser Theater. Aus rassistischen Gründen wurden die Nachfahren Max Grünebaums in der Zeit des Dritten Reiches aus Deutschland vertrieben, das Familienvermögen wurde enteignet. Die Familie wagte in England einen Neuanfang. In Erinnerung an das Wirken von Max Grünebaum in Cottbus errichteten die in England lebenden Enkel im Mai 1997 die Max-Grünebaum-Stiftung, deren Anliegen es ist, die guten Beziehungen zwischen Cottbus und England weiter zu fördern. Um das Staatstheater Cottbus und die Branden-burgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg zu unterstützen, verleiht die Stiftung jährlich an künstlerische und wissenschaftliche Nachwuchskräfte die Max-Grünebaum-Preise. www.max-gruenebaum