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Rezension
Zwischen jugendlichem Glück und Verzweiflung

Vor allem die jungen Darsteller begeisterten das Publikum an der Senftenberger Bühne.
Vor allem die jungen Darsteller begeisterten das Publikum an der Senftenberger Bühne. FOTO: Steffen Rasche / FOTOGRAFIE RASCHE
Senftenberg. Das Premierenpublikum hat am Samstag Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ an der Neuen Bühne Senftenberg gefeiert. Von Jürgen Weser

Solch einen Publikumsapplaus wie am Sonnabend in Senftenberg hätte sich Frank Wedekind für seine Kindertragödie „Frühlings Erwachen“ gewünscht. In der Fassung von Regisseurin Samia Chancrin erlebte das 1891 entstandene und erst 1906 uraufgeführte Stück eine bejubelte Premiere in der Studio-Bühne der Neuen Bühne.

Die Tragödie, die zu Lebzeiten von Frank Wedekind heftig bekämpft und als Pornografie verunglimpft wurde, bringen Regisseurin Samia Chancrin und Bühnenbildner Andreas Hartmann bewusst zeitlos, dicht am Original, aber trotzdem als moderne, heutige Inszenierung auf die Bühne. Vom Frühlingserwachen pubertierender Jugendlicher mit ihren Wünschen, Fantasien und Träumen bis zur herbstlichen Tristesse mit Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Abtreibung und Tod führt die Inszenierung Wendla, Melchior und Moritz dicht an das Empfinden des Publikums heran.

Von der filmischen Vorstellung der Personen bis zur beeindruckenden Schlussszene mit Moritz aus dem Grab kommend und einem vermeintlichen Zukunftsweg für Melchior ist der Dramaturgie ein kompaktes zweistündiges Werk gelungen, das die Zuschauer nicht loslässt. Dazu tragen das offene Bühnenbild und die durchweg hervorragenden schauspielerischen Leistungen der jungen Darsteller bei. Vor allem Alrun Herbing als Wendla, Sebastian Volk als Melchior und Michael Zehentner als Moritz spielen die Gefühle und Empfindungen der nach einem Platz im Leben suchenden Jugendlichen voller glaubhafter Empathie.

Da versteht Wendla nicht, warum sie nicht mehr im kurzen Prinzesskleid herumlaufen soll und ist enttäuscht, dass ihr die Mutter, die überzeugend von Marianne Helene Jordan in ihrer verzweifelten Prüderie gespielt wird, immer noch das Märchen vom Klapperstorch auftischt. Melchior, von seiner Mutter liberal erzogen, kann Moritz zwar theoretisch seine sexuellen Begierden erklären, versagt aber mit eigenen Gefühlen in einer gefühlskalten Welt.

Moritz, von Eltern und Schule permanent unter Druck gesetzt, kämpft den verzweifelten Kampf eines Don Quichotte. „Um mit Erfolg büffeln zu können, muss ich stumpfsinnig sein“, blickt er auf verständnislose Eltern und in einem unmenschlichen Erziehungssystem agierende Lehrer. Deren Karikierung durch Wedekind verstärkt die Inszenierung durch hohle Sprache und mit den Über-Kopf-Puppen.

Die Katastrophen sind in dieser kalten Welt nicht abzuwenden. Wendla wird von Melchior geschwängert, weiß nicht, was ihr passiert und kommt durch Kurpfuscherei bei der Abtreibung zu Tode. Moritz schafft die Versetzung nicht, ist am Leben verzweifelt und nimmt sich das Leben. Melchior, der „an nichts mehr glaubt“, landet wegen „unmoralischem Verhalten“ in der Erziehungsanstalt. Auch die Mutter, in ihrer moralischen Zerrissenheit glaubhaft von Christina Berger gespielt, ergibt sich den Verurteilern. Ob der Vermummte zum Schluss des Stückes in eine bessere Zukunft führen kann, bleibt offen.

Auf der offenen Bühne, die für die Jugendlichen die Rutschbahn nach unter bereithält, verkörpern Daniel Borgwardt und Patrick Gees in verschiedenen Rollen Freunde und Lehrer mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit. Die Senftenberger Inszenierung setzt mit Bühnenbild, mit Wildheit und manchen Äußerlichkeiten auf die zu erwartenden jugendlichen Zuschauer, die zwar mit größerem aufgeklärten Wissen in die Aufführungen kommen werden, aber trotzdem wohl ähnliche Gefühle mit dem wachsenden sexuellen Verlangen spüren wie die Pubertierenden um 1900.

Das Stück zeigt auf heutige Verklemmtheiten im sexuellen Diskurs zwischen „Alles erlaubt“ und der Anklage einer Ärztin, die im Internet für den Schwangerschaftsabbruch wirbt, der auch in der Bundesrepublik immer noch nicht völlig straffrei ist.