Allein die Idee hat Preise verdient. Havanna aus der Sicht eines Fernsehmechanikers - Uli Gaulke wollte 1999 einen ungewöhnlichen und doch alltäglichen Blick auf Kubas Metropole werfen. Die Idee, erzählt er, war, den TV-Mechaniker zu begleiten, zu den Kunden, ins eigene kleine Geschäft, um so einen ganz natürlichen Blick auf das kubanische Stadtleben zu werfen. Kurz vor den Dreharbeiten, sagt Gaulke, hatte sich der auserkorene Fernsehfachmann aber von seiner Frau getrennt. Er ist im Film zu sehen, als Protagonist aber war er nicht mehr geeignet. Seine Geschichte erzählte Gaulke trotzdem. So wie die mehrerer anderer Kubaner, die sich tagein tagaus durch den Havanna-Alltag kämpfen - nicht deprimiert, nicht desillusioniert, trotz allen Zerfalls und trotz fehlenden Wassers glücklich. Gaulke und sein Team hatten sich einfach vor TV-Mechaniker-Werkstätten postiert, so die Habaneros kennengelernt, die völlig unterschiedliche Leben in den so ähnlichen Wohnungen leben, die aber die Liebe für Telenovelas vereint.

Allein das, so Gaulke, unterscheidet das Kuba von 1999 von dem heutigen. Heute, sagt der Regisseur, sitzen die Jugendlichen mit ihren Mobiltelefonen auf den Plätzen und Straßen der Stadt. Die Telenovelas sind nur noch für die älteren Kubaner wichtig, die jungen probieren sich auch in eigenen Filmen aus. Und die, so Gaulke, seien mitunter großartig

Irritiert war der Filmemacher vom Aufführungsort seiner Dokumentation - gezeigt wurde sie am Mittwochabend im Zuchthaus Cottbus. Irgendwie unpassend, befand auch Gedenkstätten-Leiterin Sylvia Wähling. Parallelen entdeckte sie trotzdem - im Film wird trotz vieler Hindernisse oft gelacht, im Zuchthaus sei ebenfalls oft gelacht worden - bei allem Elend. Für die Zuschauer bot der Spielort ein seltsames Zusammenspiel von Freude und Bedrücktheit, das bis zum Verlassen des Zuchthauses durch das große Gittertor in der Bautzener Straße andauerte und nachwirkt.

Bis zum nächsten Tag, als Daniel Abma seine Dokumentation über Geschlechtsumwandlungen in Kuba im Glad-House präsentiert. Es wirkt, als seien es die gleichen Wohnungen, die Gaulke in seinem Film besuchte, die auch Abma von innen sehen durfte. Diesmal aber wohnen dort Menschen, die im falschen Körper geboren wurden, entweder ihre Geschlechtsumwandlung schon hinter sich haben oder noch darauf hoffen, unter den fünf Auserwählten pro Jahr zu sein. Der Staat, erzählt Daniel Abma, unterstützt die Geschlechtsumwandlungen, zahlt dafür - als Teil des sozialistischen Gedankens. Die Spannungen, die dennoch in den Familien entstehen, sind vor allem religiös begründet. Auch Abmas Blick auf Havanna und Kuba ist ein positiver, wenn auch - eineinhalb Jahrzehnte nach Gaulkes Film - ein härterer und konfliktreicherer. Dort stehen konservative Eltern und Habaneros den Kämpfern für sexuelle Freiheit gegenüber, dort wird auf den belebten Straßen Havannas nach schnell verdientem Geld gesucht, dort schlägt der Freund der Protagonistin einen Hammer auf den Kopf.

Abma hatte alle Freiheiten, als er über drei Jahre zu großen Teilen in Kuba arbeitete - er hatte das Okay von Mariela Castro Espin, Fidel-Tochter und Kämpferin für sexuelle Freiheit. Seine Bilder bleiben distanziert, gleichzeitig dringen sie in die Gedanken des Zuschauers, lösen die Sehnsucht nach der Schönheit Kubas ebenso aus wie die Gedanken über die Entwicklungen, die das Land gerade durchmacht - seien sie positiv oder negativ. Gaulkes Film ist noch einmal während des Festivals zu sehen - heute um 17 Uhr im Obenkino. Dort soll auch noch einmal Abmas Dokumentation zu sehen sein, kündigte der Regisseur an, allerdings erst irgendwann nach dem Festival.

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