Autor Igor Bauersima ist für die nach einer wahren Begebenheit entwickelte Komödie als bester Nachwuchsdramatiker ausgezeichnet worden.
Beobachter im Chatroom sind die Zuschauer der Premiere auf der Studiobühne, Beobachter am Rande der Gesellschaft, ausgeschlossen aus der Gedanken- und Gefühlswelt von Jugendlichen einer Wohlstandsgesellschaft, die „alles hat“ . Die sensible und vorsichtig mit den komödiantischen Elementen umgehende Inszenierung von Jürgen Eick holt die Zuschauer nach und nach hinein in die Welt von Julie und August.
Julie wendet sich im Chatroom an „Leute, die sich umbringen wollen.“ Sie hat „die Schnauze voll von allem auf der Erde“ . Es steht fest: „Ich werde Selbstmord begehen.“ Aber nicht allein, sie sucht einen gleich gesinnten Partner. Den findet sie in August mit seiner jugendlichen Anti-Lebensphilosophie ganz nah bei Schopenhauer und Nietzsche. Er konnte sich nie vorstellen, „mit dem Leben etwas zu tun zu haben“ . „Am Leben sein“ ist alles nur Verstellung, ihn beherrscht „ein Gefühl von Nichts“ . Deshalb „tret ich easy ab.“
Vom coolen Chatroom in die raue Wirklichkeit eines norwegischen Fjords geworfen, wo beide ihr Zelt aufschlagen, um von einer Klippe zu springen, bröckelt der Todeswunsch. „Am Rande des Abgrunds“ schleichen sich Zweifel ein, die beiden jugendlichen Protagonisten entblößen ihre Wünsche und Sehnsüchte voreinander, sie kommen sich näher, Gefühle füreinander beginnen sich einzunisten.
Die sich vorsichtig herantastende Inszenierung von Regisseur Jürgen Eick und das intensive, leidenschaftliche Spiel der beiden Darsteller lässt für die Zuschauer den schmerzhaften Wandel glaubhaft werden. Inga Wolff, vor kurzem erst mit einer starken Leistung in „Feuerherz - Die neuesten Leiden des jungen W“ zu sehen, spielt die trotzig-selbstbewusste Selbstmordabsicht an der Schwelle zum Erwachsensein ebenso vital wie die plötzliche Angst vor dem finalen Sprung. Bernd Färber nutzt die Chance eines überzeugenden Einstiegs in das Ensemble der Neuen Bühne mit der Rolle des August, dessen schnoddrig-nihilistische Haltung er mit seiner Spielweise nach Sehnsüchten hinterfragt.
„Das war das Schönste, was ich bisher gesehen habe“ , bricht es aus ihm beim Anblick des Polarlichts heraus. Julie lässt sich anstecken. Aus dem Wunsch nach dem gemeinsamen Sterben wird über „ich mag dich“ - „ich dich auch“ der Wunsch, „ich will mit dir schlafen“ , der in einer anrührend poetisch gespielten Szene als erzählte Vorstellung des Miteinanderschlafens humorvolle Heiterkeit gegen den immer noch trotzig behaupteten Todeswunsch setzt. Die auf Video zu bannenden gespielten Abschiedswünsche (hier kommt die Inszenierung mit etwas zu viel Abschiedsrhetorik daher) machen schließlich klar, Julie und August wollen nicht sterben, sie wissen nur nicht, wie sie richtig leben sollen. So stürzen sich beide zum Schluss des Stückes nicht in den Tod, sondern in „ein Glück, von dem wir uns nicht so schnell erholen werden“ .
Die Bedrohung bleibt, auch wenn die beiden ins Leben gefunden haben. Die sparsame Bühnenausstattung von Tobias Wartenberg mit dem nackten Podest als einsame Lebenswelt und den überdimensionalen Computerbildschirmen unterstützt den Widerstreit zwischen sinnentleertem Leben und Sinnsuche. Die Senftenberger Inszenierung hat ein Stück gelungen auf die Bühne gebracht, das ins Zentrum der Lebensrealität vieler Jugendlicher zielt. Immerhin nahm in Deutschland mit steigendem Wohlstand der Suizid zu. Nach dem Unfalltod ist er die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen unter 20. Noch drängender beschäftigt viele junge Leute die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Neue Bühne gibt eine Antwort: Den Sinn müsst ihr euch selbst ins Leben holen.