Und er legt los, erinnert sich an die Zeit, in der der 1938 geborene Berliner Junge immer Hunger hatte, und zwar auf Stullen: früh, mittags und abends - und wann's immer ging, auch dazwischen. Mit den Hauptmahlzeiten hingegen hatte er wenig im Sinn, Drohungen, was passieren könnte, „wenn man sein warmes Mittagessen nicht isst, ließen mich völlig kalt.“
Anders war das schon mit den Haarpflege-Attacken, die Opa Julius, ein Friseurmeister, immer wieder auf den kleinen Lutz richtete. Ist aus ihm deshalb so ein eingefleischter Bürstenhaar-Träger geworden„
Stückrath erzählt Geschichten eines Schalks, der offensichtlich schon früh einen Sinn für die komischen Seiten des Lebens entwickelte. Also prägte sich ihm auch folgende Anekdote tief ein: Als Oma ein junges Mädel war, sollte sie einen Aufsatz darüber schreiben, was eine Kerze ist. Sie schrieb: „Eine Kerze ist, die man ansteckt, wenn man kackt, dass es nicht stinkt.“ Es gab eine schlechte Note dafür, „angeblich, weil sie kerze klein geschrieben hat“ .
Von kindlichen Streichen berichtet Stückrath, bei denen ein „reinrassiger Viersektoren-Hund mit entfernter Dalmatiner-Verwandtschaft“ als Rohstoff-Lieferant mitwirkte. Damals war's der einzige Hund in der Gegend. Heute wäre die Suche nach geeignetem Material in der Hundekot-Hauptstadt kein Problem mehr, schließt der Autor: „Aber wo sind die Kinder, die mit fröhlichem Herzen noch die Natur genießen wollen““
Auch ein Bubenstück aus vergangener Zeit: Als die Sektorengrenze zum Westteil der Stadt noch nicht völlig verriegelt war, wurde Schlosserlehrling Stückrath erwischt, „ausländische Zahlungsmittel“ , also zwei D-Mark einführen zu wollen. Da hatte er doch nicht etwa verbotenerweise DDR-Geld umgetauscht„ Aber neeein! „Gefunden!“ , erklärte Stückrath den Beamten. „Sollte ich sie etwa dem Klassenfeind überlassen““
Das Publikum im Haus des Buches gehört größtenteils zu der Generation, die solche Geschichten miterlebte. Die Zuhörer kannten den Mimen Günther Simon und erfahren nun, wie er Lutz Stückrath dazu überredete, eine Gage anzunehmen. Der junge Schauspieler hatte sich geziert, weil er zwar zu seinem ersten Drehtag bei der DEFA war, aber niemand mit ihm irgendwas drehte.
Und endlich die „Drei Dialektiker“ . Die sollten einmal auf Fahrrädern vors Publikum fahren. Köbbert war schon draußen, und als Stückrath sich auf den Drahtesel schwang wie ein Bobfahrer beim Start, entfuhr Uhlig das beliebteste deutsche Schimpfwort. Und das Mikrofon war offen! In einer Live-Sendung! Die Sache musste aus dem Stegreif geklärt werden, wurde sie auch: Stückrath hatte sich einen Schlitz in den Hosenboden gerissen. Nun suchte er verzweifelt einen eleganten Abgang, seine Hinterseite konnte er ja schlecht den Kameras zuwenden: „Dann wäre das erste Mal im DDR-Fernsehen über nackte Tatsachen berichtet worden!“
Lutz Stückrath war Kabarettist bei der „Distel“ , der „Kneifzange“ und den „Stachelschweinen“ , sein aktuelles Soloprogramm heißt „Zunder gibt es immer wieder“ . Darin variiert Stückrath den „Faust“ : „Vom Preise befreit sind Strom, Gas und Zeche . . . Wo bin ich Mensch, wo darf ich sein?“ - Möglich, dass die Regierung aus Kostengründen plant, das Volk abzuschaffen. Der Satiriker weiß, was der logische nächste Schritt ist . . .
Lutz Stückrath „Gute Seiten, schlechte Seiten“ Eulenspiegel, Gebunden, 287 Seiten, 16,90 Euro.