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| 01:27 Uhr

Zischende Hiebe beim poppigen Wagner-Hit iM Staatstheater

Evan Christ (l.) und Daniel Teruggi, Komponist der Wagner-Aufführung in Cottbus, gefiel es selbst ganz gut. Foto: Marlies Kross
Evan Christ (l.) und Daniel Teruggi, Komponist der Wagner-Aufführung in Cottbus, gefiel es selbst ganz gut. Foto: Marlies Kross FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Generalmusikdirektor Evan Christ als Aushilfe: Einen Richard-Wagner-Abend hat das Cottbuser Philharmonische Orchester seinem früheren Leiter Hans Wallat gewidmet, der aus gesundheitlichen Gründen jedoch nicht selbst dirigieren konnte. So führte Christ durch ein Programm, das Ausschnitte aus allen vier Teilen des „Ring des Nibelungen“ bot. Von Irene Constantin

War es ein Konzert für Opernfreunde oder nicht, war die Hauptfrage des Abends. Von Stück zu Stück fiel die Antwort unterschiedlich aus. Zunächst konnte man ihr ausweichen und überlegen, ob Richard Wagner mit seiner selten gespielten “Faust„-Ouvertüre den literarischen Nationalhelden gut getroffen hatte. Die dramatischen Verzweiflungsgesten seines Helden erinnerten in diesem Frühwerk deutlich an das kompositorische Vorbild Hector Berlioz. Auch schimmerte die italienische Oper hervor. Noch war die spätere Klangfarben-Raffinesse nicht entwickelt.

Das “Siegfried-Idyll„, 30 Jahre später komponiert, zeigt den ausgeprägten Wagner-Stil, einschließlich seines unbedingten Willens zur Länge. Evan Christ schwang sich zu einigen markanten Themen aus “Siegfried„ empor und ließ sie im ausgedehnten Morgenidyll wieder verklingen.

Mit dem “Einzug der Götter„ aus “Rheingold„ zeigte sich dann unüberhörbar das Grundproblem des Abends. Donner schwingt seinen Hammer und der orchestrale Blitz zuckt, das düstere Gewölk sammelt sich orchestral äußerst beeindruckend, aber kein Mensch brüllt es mit “Donner„-Stimme an, ebenso wenig säuselt der Tenor etwas von der Regenbogenbrücke, noch klagen die Rheintöchter zu Füßen der Götter, auch kein Loge reibt der Gesellschaft ihr fatales Ende unter die Nase.

Als Instrumentalstück gedacht und im Konzert somit eine ganz andere Wirkung entfaltend, peitschten anschließend die Walküren die Lüfte. Rhythmisch hart und gnadenlos diszipliniert ließ Evan Christ das typische Blechbläsermotiv zelebrieren, spitz und scharf und selten so perfekt zu hören die zischenden Hiebe der hohen Violinen. Da der Aufmarsch sportiver Frauen die Sinne nicht ablenkte, konnte man gerade bei diesem poppigen Wagner-Hit die Genialität des Meisters gut verfolgen. Wie Wagner durch die Variation der Instrumentierung und Verschiebungen der Akzente das ungeordnete Ungestüm der Reiterinnen imaginiert, ist bemerkenswert.

Bei “Wotans Abschied und Feuerzauber„ aus der “Walküre„ fehlte wieder schmerzlichst der sonore tiefe Bariton des göttlichen Familienoberhauptes. Wagner bettet seine Gesangslinien natürlich ganz anders als beispielsweise Verdi in den Orchesterklang ein, das Orchester erzählt im “Ring„ sogar fast alles, aber dennoch: Irgendwie fühlte sich auch dieses Stück an wie ein Gänsebraten, bei dem nur Rotkohl, Kartoffeln und Soße auf dem Tisch stehen.

“Siegfrieds Tod und Trauermarsch„ aus der “Götterdämmerung„ verhieß die Krönung des Konzerts und erfüllte die Erwartung. Gespenstische Pauken, wunderbar saubere, butterweich geblasene Posaunen, Tuben, tiefe Bläser malten die unfassbare Trauer um den getöteten Siegfried, noch bevor mit donnernden Orchester-Doppelschlägen das eigentliche Heldengedenken einsetzt. Da hatten Orchester und Dirigent zu einer Symbiose gefunden, die das Konzert zu etwas Besonderem machte.