Die Ausfallstraße aus Moskau nach Westen nutzen die Nazis als Anmarschroute auf die sowjetische Hauptstadt. Hierhin hat sie Heiner Müller in den ersten beiden Episoden seines fünfteiligen lehrstückhaften Werkes "Wolokolamsker Chaussee" (nach Alexander Beks gleichnamigem Roman) gestellt. Und nun müssen sie umgehen mit ihrer Angst, müssen die Feigheit ausgetrieben bekommen. Umerzogen, zur Erziehung der anderen erschossen oder zum eigenen Besten degradiert werden. Was entsteht in diesen gruseligen Szenen, in die Müller meinte, auch die Möglichkeit des Pazifismus eingeschrieben zu haben, sind funktionierende, zum Kampf fähige Menschen.

Der Text: lakonisch direkt, düster komisch. Jeder Satz ein Hammerschlag, ohne Punkt und Komma. Nicht auf Figuren aufgeteilt, wenn auch in komplizierte Sinnzusammenhänge dialektisch verwoben. Regisseur Mario Holetzeck formt seine acht Schauspieler zu einem Sprechchor, der sich auch zu gefühligen russischen Liedern zusammenfindet. Wo Müller Haltungen in Sprache fasst, baut Holetzeck Bilder: Da steht im ersten Teil Johannes Kienast als Kommandeur allein mit seiner Entscheidungsunsicherheit vor dem Publikum, während sich im zweiten Teil Sigrun Fischer als degradierende Kommandeurin und Oliver Breite als feiger Bataillonsarzt drohend umkreisen. So wird allzu einfach verständliches Theater, was bei Müllers lakonischen Einschüchterungssätzen vor allem verstört.

Die fünf Teile von Müllers "Wolokolamsker Chaussee", zwischen 1984 und 1987 entstanden, beschreiben Situationen, in denen Schwierigkeiten des Sozialismus deutlich werden. Stets können sie nur durch die Macht der Funktionäre oder der Russen gelöst werden. Was dem Sozialismus nicht gut bekommt.

So stehen sich in Teil III (nach Anna Seghers' "Das Duell") am 17. Juni ein Betriebsleiter und dessen Stellvertreter in einem bestreikten Betrieb gegenüber. Erlebnisse aus faschistischer und DDR-Vergangenheit werden beredet. So hatte der Betriebsleiter einst den Jüngeren beim Ingenieurstudium geholfen, nun aber rettet ihn selbst nur die russische Amme, die T 34 fährt . . .

Eingerahmt wird die Szene von den anderen Darstellern, die vor dem DDR-Emblem rote Fahnen schwingen oder sie wegtun. Der Autor kommt in einer Toneinspielung dann mit den ersten Worten von Teil IV "Kentauren - Ein Gräuelmärchen aus dem Sächsischen von Gregor Samsa" (nach einem Motiv von Franz Kafka) selbst zu Wort. Mit leichtem Lachen erzählt er: "Ich hatte einen Traum Es war ein Alptraum Ich wachte auf und alles war in Ordnung." Es geht um die Angst des Stasimannes vor einer Welt ohne Ordnungswidrigkeit, in der er selbst mit seinem Schreibtisch zur Einheit von Mensch und Maschine verwächst. In Cottbus wird die urkomische Szene von allen gespielt. Erst wird ein kindlicher Polizist im Bobby-Car-Streifenwagen bei Rot über die Kreuzung und in den Tod geschickt, dann thront dieser als schwarzer Engel über dem vielfachen Schreibtisch-Ballett der anderen. Und wenn die Frage: "Wie fickt ein Schreibtisch?" auftaucht, wird sie allen Ernstes, das heißt, ohne echte Komik, mit der Produktion eines winzigen Schreibtischleins beantwortet. Gegen die anstrengenden Sätze Müllers fährt Regisseur Holetzeck eine Bebilderungsmaschinerie auf, die manchmal Effekte produziert, aber dem Text seine Härte und alles bös Groteske nimmt. Die Schauspieler sind so präzis wie versuchsweise furios, doch ihr chorisches Spiel verleiht den Szenen eher Harmlosigkeit und leuchtet das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv nicht genauer aus.

Mit Teil IV, in dem der Adoptivsohn eines NS-verfolgten Funktionärs mit diesem über die DDR in unheilbaren Zwist gerät, zeigt Müller den Generationskonflikt in der DDR als tödlich für diese. Hierfür gelingt der Cottbuser Inszenierung ein schönes Bild. In der kühl eleganten westlichen Wartehalle eines Flughafens treffen sich unter Caspar David Friedrichs als "Die gescheiterte Hoffnung" bekannt gewordenem Bild, das richtig "Das Eismeer" heißt, Adoptivvater und Sohn zwischen elegant identischen Managertypen.

"Vergessen, vergessen, vergessen" heißt es zum Schluss dieses Stückes, dem die zweistündige Inszenierung insgesamt leider keine aktuelle Dringlichkeit nachweisen konnte.