Aaaaaaaaaaaaaaah Kasper und Seppel reißen vor Schreck die Arme hoch, als plötzlich die Großmutter hinter ihnen steht - dabei sollte sie doch überrascht werden. Nicht der einzige Plan, der den beiden daneben geht, wie sich in dem gut einstündigen turbulenten Spiel, in dem eine Regie-Idee die andere jagt, herausstellen wird. Der Schlaue ist eben nicht immer der Schlaue und der Dumme nicht der Dumme. Schon gar nicht sollte man einen Gegner unterschätzen - das lernen Kasper und Seppel - vielleicht auch noch der eine oder andere.

Jetzt aber erst mal zur Überraschung, die endlich ausgepackt wird: eine Kaffeemühle. Bevor aber auch nur eine Bohne gemahlen werden kann, klaut sie der Räuber Hotzenplotz der Großmutter vor der Nase weg, während Kasper und Seppel unterwegs sind, süße Sahne zu kaufen. Als beiden zurückkommen, erwacht die Oma (schön schrullig, zugleich gewieft gespielt von Marlene Hoffmann, die auch die wunderschöne Fee gibt) gerade aus ihrer Ohnmacht. Zeitgleich erscheint Wachtmeister Dipfelmoser, der sich aber mehr für den Sahnetopf als für den Räuber interessiert. Was bleibt Kasper und Seppel also weiter übrig, als sich selbst auf die Suche zu machen. "Das geht nicht gut", behauptet Dimpfelmoser. "Doch", schallt es aus dem Zuschauerraum. Ganz schnell haben die Kinder ihre Sympathie vergeben.

Eine List, wie die beiden Freunde dem Hotzenplotz auf die Spur kommen, ist schnell gefunden. Sie funktioniert auch. Nur ist der Räuber halt auch nicht blöd. Er schnappt die beiden, bevor sie ihn schnappen - und jetzt beginnt das Abenteuer erst richtig. Seppel muss beim Räuber putzen. Kasper wird an den bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann verkauft. Und der hat keine Ahnung, wen er sich da ins Haus geholt hat.

Einen dummen Diener wollte er und hat einen schlauen Kasper bekommen. Der denkt keineswegs daran, Kartoffeln zu schälen, während der Zauberer nach Buxtehude reist, sondern erkundet das Zauberschloss. Im Keller findet er eine vor sich hinheulende Riesenkröte, die eine verwunschene Fee ist.

An dieser Stelle wird es Zeit, die fantasievollen Bühnenbild- und Kostümideen von Ulrike Reinhard zu feiern: Die Kröte, die fast die gesamte Bühne einnimmt, bewegt sich auch noch. Das Zauberschloss ist ein düsterer Laden, der trotzdem viel zum Lachen bietet. Wie überhaupt der Grusel - den es gerade für kleinere Zuschauer durchaus gibt - immer wieder gebrochen wird. Als sich die Räuberhöhle auftut, quittieren das die Zuschauer mit "cool", was auf den Räuber-Wald erst recht zutrifft.

Auch was die Schauspieler bieten macht Spaß. Nach anfänglichen Unsicherheiten gehen Sebastian Volk als Kasper und Johannes May als Seppel in ihren Rollen auf, transportieren viel über Körpersprache. Friedrich Rößiger ist ein wunderbarer, wandlungsfähiger Räuber, der nicht einfach nur böse ist, auch mal den Kürzeren zieht. Und auch Roland Kurzweg kann als Wachtmeister Dimpfelmoser und als Zauberer verschiedene Facetten zeigen.

Großartig ist, wie die ganze Zauberei auf der Bühne funktioniert: Aus dem Kasper wird ein Affe, der Zwackelmann fliegt mit seinem Zaubermantel, das riesige Krötentier verwandelt sich in die Fee Amaryllis.

Das übrigens funktioniert nur mit Feenkraut. Der Zauberer wird entzaubert, der Räuber gefangen, die Kaffeemühle herbeigeschafft.

Wie immer im Märchen, Ende gut, alles gut und ein Lied obendrauf. Riesenbeifall.

Zum Thema:
Eigentlich wollte Otfried Preußler Anfang der 60er-Jahre beginnen, am "Krabat" zu schreiben, aber der Stoff zeigte sich widerspenstig. Um sich abzulenken, suchte er nach etwas Heiterem. Eine Kasperlegeschichte sollte es sein - mit Großmutter und Seppl und all den anderen Figuren, die dazugehören. Benannt ist der Räuber übrigens nach einer Stadt in Schlesien, die tatsächlich Hotzenplotz oder auf Tschechisch Osoblaha heißt. Preußler, 1923 im tschechischen Reichenbach geboren, faszinierte dieser Ortsname schon als Kind. Er bewahrte ihn in der Erinnerung wie die Geschichte, die ihm seine Großmutter, die viele Volkssagen kannte, einst erzählt hatte. Auch seine Wahlheimat Bayern findet sich in den Namen der Figuren wieder, zum Beispiel in Alois Dimpfelmoser. Aus der einen geplanten "Hotzenplotz"-Geschichte wurden auf Verlangen der Leser drei. Und mit dem "Krabat" hat es ja dann auch noch geklappt. Zehn Jahre hat Preußler daran geschrieben. mar1