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| 02:38 Uhr

Zack zack zum ehrbaren Leben

Amüsantes Verwirrspiel mit Ulrich Schneider (Korporal), Anne Schierack (Franziska), Martin Eitner (Knoll), Christian Henneberg (Räuberhauptmann (unten v.l.) sowie Hardy Brachmann (Felix verkleidet als Comtesse) und Debra Stanley (Zofe Barbara, oben)
Amüsantes Verwirrspiel mit Ulrich Schneider (Korporal), Anne Schierack (Franziska), Martin Eitner (Knoll), Christian Henneberg (Räuberhauptmann (unten v.l.) sowie Hardy Brachmann (Felix verkleidet als Comtesse) und Debra Stanley (Zofe Barbara, oben) FOTO: Marlies Kross
Cottbus. "Das Wirtshaus im Spessart" öffnete am Samstag seine Pforten in der Theaterscheune des Staatstheaters Cottbus. Obwohl von Räubern belagert, entpuppte sie sich wieder einmal als vergnüglicher Ort. Ida Kretzschmar

Vorsicht scheint schon geboten, wenn der Spessart nach Cottbus-Ströbitz verlagert wird. Der Wind heult, treibt Schnee vor sich her und die Menschen unter das schützende Dach, auf dem ein Rabe krächzt. An der Tür dunkle Gestalten, die sich an Goldstücken vergreifen. Auch das Kneipenschild weist es aus: Das ist das "Wirtshaus im Spessart", wie im Märchen von Wilhelm Hauff aus dem Jahre 1827 eine verkappte Räuberhöhle. In den 50er-Jahren wurde daraus ein Film mit Lieselotte Pulver und Carlos Thompson in den Hauptrollen, kultig und überdreht, wie ihn hier noch viele Zuschauer im Kopf haben.

Und so rumst es auch hier auf der Bühne tüchtig. Wer im Wirtshaus sitzt, wird seine Nerven noch brauchen, stimmt Heiko Walter als reizender Diener Parucchio schon einmal mit seinen Moritaten das hoch geschätzte Publikum ein. Denn selbst die Musiker aus dem Philharmonischen Orchester, dirigiert von Christian Möbius, und die Damen und Herren des Opernchores sind offensichtlich unter die Räuber gegangen.

Unerschrocken und charmant

Eine kleine leuchtende Kutsche (welch bezaubernder Einfall unter vielen) strandet mitten in ihrem Wald. Die blaublütigen Insassen samt Pfaffe (herrlich ausgefüllt von Dirk Kleinke) und Zofe (Debra Stanley, die später mit dem herzerfrischenden Burschen Felix alias Hardy Brachmann ein gutes Duett abgibt und auch im Quartett liebeserklärend besticht) aber werden in die Räuberspelunke gelockt, in der sich die Wirtin (rigoros mit überzeugendem Mutterwitz: Carola Fischer) aufs Abstauben versteht.

Die Räuber nämlich wollen vom Vater der gekidnappten Comtesse Franziska ein gepfeffertes Lösegeld erpressen.

Gastsängerin Anne Schierack, die von 2002 bis 2010 fest zum Opernensemble des Staatstheaters gehört hatte, gibt eine unerschrockene Comtesse, die nicht nur ihren Vater (Thorsten Coers) Paroli bietet, sondern auch in Männerkleidung als Franz die Räuber an der Nase herumführt. Durchschauen kann sie nur der Räuberhauptmann, bemerkenswert charmant in ganzer Bandbreite dargeboten von Bariton Christian Henneberg, der bereits mit fünf Jahren an der Sächsischen Staatsoper in Wagners Lohengrin auf der Bühne stand.

Baron von Sperling, Franziskas Verlobter, (in seiner ganzen Fadheit von Hauke Tesch auf die Bühne gebracht) ist da schnell aus dem Spiel.

Und doch, auch wenn sie im Duett mitten unter den Zuschauern noch so schön von der Liebe singen, ein paar mehr sprühende Funken hätte man spüren können zwischen Räuberhauptmann und Franziska, die wohl ihren besten Auftritt in der Hosenrolle hat. Auch Liudmila Lokaichuk gibt ein Räuberbräutchen mit großem Liebreiz.

Insgesamt ist es eine musikalische Räuberposse, mit leichter Hand in Szene gesetzt zwischen Operette und Musical, bei der die Zuschauer bekommen, was sie erwarten. Hier geht es nicht um große Oper, sondern um großen Spaß. In der Regie von Martin Schüler entfaltet sich ein turbulentes Verwirrspiel, in dem das ganze Ensemble mit viel ´Freude bei der Sache ist. Die Wirtshausbesucher freuen sich an deftigen Ideen und subtilen Seitenhieben und an den einprägsamen wohlbekannten Melodien, die zum Mitklatschen und Schunkeln anregen. Bühne (Hans-Holger Schmidt) und Kostüme (Nicole Lorenz) changieren gekonnt zwischen Räuber- und Herrschaftswelt. Die ganze Spielstätte wird zur Bühne, ein Gemälde aus der Adelsgalerie zur Schwingtür. Genial wie die Räuber zum Szenenwechsel die Requisiten heranschleppen, wobei es auch passieren kann, dass mal ein Prosecco-Fläschchen von den Tischen verschwindet oder einem ein BH auf den Kopf zufliegt.

Vergnüglich zum Mitsingen

Ein vergnüglicher Abend, an dem sich am Ende alles zum Guten wendet. Selbst die Halunken Knoll (Martin Eitner) und Funzel (Thomas Pöschel) wollen ein ehrbares Leben führen. Da muss man doch einfach mitsingen: "Ach das könnte schön sein". Heiko Walter, der als Obrist wohl die meisten Lacher auf seiner Seite hat, gibt dafür das Kommando: "Zack zack".

Die nächsten Vorstellungen sind ausgebucht. Ab 17. Januar können im Besucherservice (Cottbus, Schillerplatz 1) Karten für die zusätzlich in den Spielplan genommenen Vorstellungen am 9. Mai, 2. Juni, 6. Juni und 4. Juli , jeweils 19.30 Uhr, erworben werden. Ticket-Tel.: 0355/ 78242424.

www.staatstheater-cottbus.de

Zum Thema:
Uta-Maria Hanisch (58) ist gemeinsam mit ihrer Lübbener KolleginMarie-Luise Schubert (66) im Wirtshaus: "Sehr unterhaltsam, kurzweilig und entzückend. Tolle Einfälle und tolle Songs. Wer den Film gesehen hat, wird vieles wiedererkennen. Wir jedenfalls sind begeistert, vor allem Heiko Walter war wieder großartig. So wie wir ihn auch vor Jahren in "Cabaret" erlebt haben."Heinz Reber(73) ist mit einem Bus voller theaterbegeisterter Berliner in die Theaterscheune gekommen: "Die Rollen waren gut gespielt, aber in dem wunderschönen Duett zwischen Franziska und dem Räuberhauptmann fehlte mir das Herz. Die Räuber waren mir ein wenig zu laut und überdreht. Nach der Pause habe ich mich dann mehr amüsiert. Am Ende hätten alle noch einen Tusch verdient von den Musikern."Eine Frauenrunde aus Mutter, Tochter, Schwiegermutter, Schwiegertochter und Nachbarin am Tisch 28 ist voller Lob. LimbergerinMandy Mitschke (38) fasst zusammen: "Faszinierend, was man aus dem Filmstoff machen kann. Da wir auch ein Laientheater haben, hat uns besonders beeindruckt, wie mit wenig Aufwand schnell umdekoriert wurde. Die gängigen Melodien, dazu Prosecco und supertolle Stimmung. Wir jedenfalls sind bald wieder in der Theaterscheune bei ,Venedig im Schnee'."