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Wünsche, die von Herzen kommen

Das Ensemble verabschiedet sich in der Theaterscheune von Mario Holetzeck.
Das Ensemble verabschiedet sich in der Theaterscheune von Mario Holetzeck. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Schauspieldirektor Mario Holetzeck verabschiedet sich zum Ende der Spielzeit vom Staatstheater Cottbus. Die Schauspieler Heidrun Bartholomäus und Johannes Kienast, die ebenfalls neue Wege gehen, erinnern sich an die gemeinsame Zeit. Ida Kretzschmar

Neun Jahre war er in Cottbus Schauspieldirektor. "Ich habe ein Ensemble geformt, das zusammenhält", stellt Mario Holetzeck in einem RUNDSCHAU-Interview mit Stolz und Erstaunen fest. Und dieser Tage wird offenbar: Die Schauspieler lassen ihn, der jeden Wirbel um seine Person scheut, nicht eben leichten Herzens ziehen. "Wir wollten ihn als Direktor nicht hergeben, haben vergeblich um ihn gekämpft. Aber ohne einen ordentlichen Abschied gibt es auch keinen ordentlichen Aufbruch", glaubt Heidrun Bartholomäus und erzählt von einem stimmungsvollen Abend für Mario Holetzeck in der Theaterscheune, zu der das Schauspielensemble auch ehemalige Ensemblemitglieder, Kollegen des Hauses, Freunde und Förderer des Theaters eingeladen hat.

29 Inszenierungen hat Mario Holetzeck in Cottbus auf die Bühne gebracht. Und von jedem dieser Stücke gibt es an diesem Abend kleine Sequenzen, zusammengefügt von Gunnar Golkowski, die der scheidende Schauspieldirektor und auch aufmerksame Theatergänger sofort erkennen und mit Freude zur Kenntnis nehmen.

"Derweil verrat ich Ihnen mein Geheimnis. Sie sollen wissen, dass mein Reich ich in drei Teile schnitt. Und ich bin fest entschlossen, meinem Alter Staatsgeschäft und Sorgen zu entziehen. Das sollen jetzt die Jüngren machen", bringt Heidrun Bartholomäus dabei noch einmal Worte von König Lear auf die Bühne, der sie ihre Grenzen spüren ließ und sie doch darüber hinaus führte.

Vor sieben Jahren wurde sie von Mario Holetzeck angerufen und gefragt, ob sie die Rolle des Lear übernehmen wolle. "Ich bin doch viel zu klein", fiel ihr im ersten Moment nur zu diesem schockierend schönen Traumangebot ein. Vor zehn Jahren hatte die Schauspielerin schon Gastrollen in Cottbus gegeben. Der Lear aber ging ihr so nah, dass sie nicht lange zögerte, als sie Mario Holetzeck kurz danach fest ans Haus binden wollte. "Ich hatte vorher 24 Jahre freiberuflich gearbeitet. Aber das Klima im Ensemble gefiel mir, dazu ein Chef, der sich kümmert, für die Schauspieler da ist", erinnert sich Heidrun Bartholomäus, warum sie im Sommer 2011 zusagte. Und sie hat es nicht bereut. "Wir hatten Höhen und Tiefen, aber mehr Höhen", sagt sie über die Cottbuser Zeit, in der sich auch ihr Initiativgeist austoben durfte. So hob sie die Reihe "Nachtaktiv" aus der Taufe, einen eigenen Abend zu 25 Jahren Mauerfall. . .

Der Abschiedsabend für Mario Holetzeck aber atmete auch Aufbruchstimmung. Regiearbeiten in Braunschweig und Neuss warten auf ihn. Auch wenn er halb im Scherz gesagt hat: "Ich kann mir auch vorstellen, wieder als Tierpfleger zu arbeiten". Der junge Schauspieler Johannes Kienast, für den Holetzeck so etwas wie ein Theatervater ist, schüttelt den Kopf: "Holetzeck gehört ins Theater. Er würde doch sonst versuchen, selbst den Tieren Monologe beizubringen", lacht er. Wie Heidrun Bartholomäus, die wieder frei arbeiten möchte und aufs Land zieht, ist er selbst am Kofferpacken: "Ich kann nicht lange an einem Ort verharren. Nun soll es am Staatstheater Braunschweig weitergehen", sagt der 31-Jährige.

Es sind die Gerüche, die für ihn sogleich wieder die ganze Holetzecksche Theaterwelt entstehen lassen: "Der Geruch von Roter Bete erinnert mich an Medea, der von Erde an Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee", geht es ihm durch den Sinn.

Eine ungestillte Neugier treibt den Schauspieler weiter nach Braunschweig, wo das ganze Ensemble neu startet. Auch wenn Kienast das Ensemble in Cottbus ins Herz geschlossen hat. "In diesem schönen Haus wird von 15 Schauspielern eine Qualität geboten, die seinesgleichen sucht", ist er beeindruckt. "Hier habe ich mir meine Hörner abgestoßen", gesteht der 31-Jährige, der in Halle geboren wurde und seit seinem sechsten Lebensjahr in Göttingen aufwuchs und nun wieder ganz in der Nähe spielen wird. "Mario Holetzeck aber hat mir nicht nur den ,Hamlet' geschenkt. Ihm verdanke ich zu wissen, wer ich bin. Er wird wohl mein Leben begleiten. Er hat mir vertraut, ließ mich ins kalte Wasser stürzen und mit breiterer Brust wieder auftauchen mit dem Gedanken: Ich kann überleben. Er brachte mir bei, was es heißt, nicht nur Potenzial zu haben, sondern auch hart zu arbeiten und nicht nur gefallen zu wollen", sagt Kienast.

Als Regisseur bevormunde Holetzeck nicht: "Er bereitet das Bett für die Schauspieler. Wie du dich hineinlegst, ist dann deine Sache", beschreibt es Heidrun Bartholomäus. Als ungleiches Liebespaar in "Harold und Maude" hatte sie Ende 2011 zum ersten Mal mit Johannes Kienast gespielt. Als Hamlets Mutter stand sie ihm zuletzt auf der Bühne bei. Das wird beiden in Erinnerung bleiben wie auch die anderen Inszenierungen von Mario Holetzeck: "Er ist ein Vollblut-Theatermann mit Gedanken und Emotionen bis zum Zerreißen. Bei allen 29 Inszenierungen steckten eine starke Konzeption, eine klare Handschrift, eine besondere Kraft und Fantasie dahinter, mit denen er auch alle Ensemblemitglieder forderte und förderte. Eine hohe Kunst, bei der er sich selbst verausgabt", sagt Heidrun Bartholomäus. "Unser Intendant sagt: Veränderung ist gut. Ich füge hinzu: Veränderung im Inneren, Flexibilität, das Wachsein und -bleiben, das Risikeneingehen, die Auseinandersetzung."

Mario Holetzeck wünscht sie vom ganzen Herzen, dass er als Regisseur daran anknüpft, der Lust und der Fantasie frönt und so auch weiterhin junge Schauspieltalente fördert. Wie Johannes Kienast hofft die nun bald 60-Jährige sehr, dass sie Holetzeck nicht aus den Augen verlieren wird, man sich wiedertreffen wird, in einem Theater oder in ihrem Garten bei Neuruppin.

An jenem Abschiedsabend hat Holetzeck nicht viele Worte gemacht, aber noch einmal jeden Einzelnen umarmt. Beide Schauspieler sind sich einig: "Ich hätte mir keinen besseren Chef am Anfang wünschen können, und ich nicht am Ende."

Am 27. Juni wie auch in der nächsten Spielzeit ist Heidrun Bartholomäus noch im Stück "Hexenjagd" zu sehen. Auch bei "Wintersonnenwende" und "Der dressierte Mann" ist sie weiter dabei. Johannes Kienast wird in der neuen Spielzeit noch in der "Sonnenallee" und in "Emilia Galotti" zu erleben sein.