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| 16:55 Uhr

Lesung
Wozu die Maus im Kopf so anstiftet

Lesen in der Idyllle: Annette Hagemann in der Bleiche.
Lesen in der Idyllle: Annette Hagemann in der Bleiche. FOTO: Peter Becker
Burg. Wanderung durch die Jahreszeiten mit der Lyrikerin und Spreewald-Literaturstipendiatin Annette Hagemann in Burg. Von Renate Marschall

Seit einer Woche sei sie jetzt hier im Hotel Bleiche in Burg,  und sie habe auch schon angefangen zu schreiben. Wenn Annette Hagemann, Preisträgerin des Spreewald- Literaturstipendiums Sommer, von ihren Erlebnissen in der Natur erzählt, meint man schon den Rhythmus eines Gedichts mitschwingen zu hören. Die hohen Erlen an den Wasserläufen und die mitunter dichte Vegetation, die den vielen Sagengestalten, die den Spreewald bevölkern, Unterschlupf bietet – all das animiert sie zum Schreiben. „Diesmal in Prosa“, sagt die Lyrikerin, die an diesem Abend im Hotel „Bleiche“ liest.

Es ist ein Abend voller Wendungen: Von der sommerlichen Hitze, der man fliehen muss, geht es zu den dicken gelben Quitten, die mit dem Tennisschläger in den Topf geschlagen werden, hin zum Winter, in dem das dünne Eis noch unter den Schritten knackt und leichtfüßig macht. Gleich darauf ist schon die erste Frühlingsbrise zu spüren, die die Sehnsucht weckt – auf nichts Bestimmtes. Annette Hagemann wandert mit ihren Zuhörern an diesem Abend durch die Jahreszeiten, malt mit Worten ein atmosphärisches Bild vom Wandel in der Natur und im Fluss des Lebens. Es ist, als öffne sie eine Tür, hinter der sich ein ganzes Universum von Erleben und Empfinden ausbreitet. Man fühlt sich darin aufgehoben, wie vom „Tausendarmigen Juli“ umschlungen. „Du bräuchtest jetzt dunkle Gewölbe mit großen Messingstatuen ... Oder du steigst ein in die winzigen Chitinpanzer der Insekten, in die summenden Zengehäuse der Bienen, und fliegst mit ihnen auf dem schnellen Luftweg davon, du flögst geradewegs in den Sog des Lindenbaumdufts ...“ - was für eine schöne Vorstellung.

Wie viele Dichter haben sich mit den Jahreszeiten befasst? Irgendwie wohl alle. Annette Hagemann, studierte Germanistin und Ethnologin, macht es dennoch auf eine originäre Weise. Man hat nie den Eindruck, das schon mal so gelesen zu haben. Ein bisschen erinnert sie an Eva Strittmatter – die aber doch anders schreibt. Man fragt sich, woher kommen solche Bilder, wie etwa die in den Topf geschlagenen Quitten, denen der Gelierzucker wie Schnee im Spätsommer hinterherfliegt. Oder die Maus im Kopf, die langsam loshuscht, um die Gegend zu erkunden, auf Charlie Chaplin, die Grinsekatze und einen Pavian mit Indianerstreifen im Gesicht trifft – ein Zusammentreffen der speziellen Art in dem Gedicht „Darf ich vorstellen: meine Muße“. Wer natürlich solche Gefährten an seiner Seite hat, kann sich sicher durch das Dickicht der zu Poesie werdenden Empfindungen bewegen. Und das beste ist, der Leser oder Zuhörer kann leicht verstehen – wenn er die Seele öffnet, sogar folgen. Das ist bei Gedichten ja nicht immer so.

„Seit wir vor Tagen am Feuer waren, ...In den Taschen meiner Jacke begleitet mich der Rauch, in der Wolle meiner Haare auch. Ich möchte die Gelegenheit so, wie sie war, in mir verbergen: wie wir über Milchstraßen zogen, barfuß ohne Meilenstiefel...“ Was für ein Glück, so eine Nacht am Feuer mit einem Menschen, den man liebt, zu verbringen. Unvergesslich. Vielleicht unwiederbringlich? In jedem Fall einfühlsam beschrieben. Und immer gut beobachtet, etwa wenn der 50-Jährigen die langen Wimpern eines Mädchens auf der Piazza auffallen oder sie zwei Paaren, einem jungen und einem älteren, beim Croissantessen zusieht. Die Jungen sitzen schweigend, die Alten sich lebhaft unterhaltend.

Annette Hagemann hat sich viel vorgenommen für die drei Wochen, die sie in der „Bleiche“ noch Gastrecht genießt, das macht das Spreewald- Literaturstipendium aus – freie Kost und Logis, Ruhe zum Arbeiten. Die Gegenleistung besteht darin, eine Geschichte zu schreiben, die möglichst mit der Gegend zu tun hat. Sie wird schließlich Teil einer Anthologie und liegt oft auch als Bettlektüre in den Gästezimmern aus, wie Birgit Holler, die Buchhändlerin im Hotel, erzählt. Und vier Lesungen sind Pflicht. So manch einer, auch der einheimischen Besucher, mag da schon die eine oder andere literarische Entdeckung gemacht haben. Inzwischen stehen die Gewinner des 11. Spreewald-Literaturstipendiums fest. Im Herbst, das sei schon mal verraten, kommt Tamara Bach, die wunderbare Kinder- und Jugendbücher schreibt.

Vorläufig aber kann man noch mit Annette Hagemann eintauchen in die Wunderwelt der Lyrik, am 18. Juli den „entscheidenden Moment“ erleben bei Gedichten zu Bildern und Fotos von Paul Klee bis Steve McCurry beziehungsweise am 25. Juli noch einmal durch die Jahreszeiten wandern. Los geht es immer um 18 Uhr und der Eintritt ist frei.