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| 15:29 Uhr

Interview mit Wolfgang „Zicke“ Schneider
Woodstock im Spreewald

Erinnert sich vor dem zweiten Todestag am 21. Oktober von Manne Krug an gemeinsame Zeiten: Jazztrommler Wolfgang „Zicke“ Schneider
Erinnert sich vor dem zweiten Todestag am 21. Oktober von Manne Krug an gemeinsame Zeiten: Jazztrommler Wolfgang „Zicke“ Schneider FOTO: Gunnar Leue
Der Jazztrommler spricht über die von ihm produzierte CD mit dem letzten DDR-Konzert von Manfred Krug vor dessen Ausreise 1977 und über die Free Jazz-Hochburg Peitz. Von Gunnar Leue

Das letzte DDR-Konzert von Manfred Krug vor seiner Ausreise hat Wolfgang „Zicke“ Schneider jetzt auf CD produziert. Die RUNDSCHAU sprach mit dem Jazztrommler über das Album „Noch nicht ganz weg“, das seit Freitag auf dem Markt ist, und seine Beziehung zur legendären Jazzwerkstatt Peitz.

Wolfgang Schneider, wie kamen Sie nach so langer Zeit an den Mitschnitt des Konzerts vom 12. April 1977 im Theater Wismar?

Zicke Rein zufällig. Ich hatte den einstigen Techniker unseres Günther Fischer Quintetts, Aki Lehmann, nach dem Tod von Manne mal zu einem unserer Hommage-Konzerte „Seine Lieder“ nach Potsdam eingeladen. Bei der Gelegenheit schenkte er mir eine CD. Als ich sie mir zu Hause anhörte, war ich baff: eine Aufzeichnung des Konzerts von Wismar!

Sie saßen damals am Schlagzeug. Wie gut konnten Sie in das Konzertgefühl von vor 41 Jahren eintauchen?

Zicke Es war schon irgendwie komisch, weil es ja so lange her ist. Andererseits steckte ich gleich in der Musik drin und hörte genau, wie jeder in der Band spielte. Mein spontaner Gedanke: Es war doch gar nicht so schlecht, was wir da fabriziert hatten. Und wie toll Manfred gesungen hat, diese helle Stimme, jung und frisch. Als Sänger war er zu der Zeit in seiner ganzen Blüte.

Krug singt deutsche Lieder, die er mit Günther Fischer geschrieben hatte, und englische Songs von Stevie Wonder. Mit dem ziemlich poppigen, teils schlageresken Jazz war das Fischer Quintett damals sehr erfolgreich, oder?

Zicke Oh ja. Als Günther Fischer Manne 1971 von der Klaus-Lenz-Band zu uns geholt hatte, waren wir aber erst mal etwas skeptisch, weil Manfred Krug musikalisch vielfältiger war als wir. Er hatte sowohl jazzige als auch leichte, schlagerhafte Musik gemacht. Deshalb war unsere erste Reaktion: Hm, na okay, wir warten mal ab. Als Günther Fischer ihm für die erste gemeinsame Amiga-LP 1971 ein paar Lieder auf den Leib schrieb, stellten wir aber fest, dass das schon Hand und Fuß hatte. Die Musik war schön angejazzt, wie man so sagte.

Sie waren auch viel in der Free Jazz-Szene verankert, die in der DDR echtes Spitzenniveau hatte?

Zicke Das stimmt. Es gab zum Beispiel in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin ab 1965 die Reihe „Jazz in der Kammer“, in der vor allem die Free Jazzer auftraten, darunter viele internationale Künstler. Der Free Jazz hatte ja interessanterweise nicht etwa in Amerika seinen Höhepunkt, sondern in der DDR, was auch an den guten DDR-Jazzmusikern lag. Deshalb kamen auch internationale Jazzmusiker gern in die DDR. Die Jazzwerkstatt Peitz wurde völlig zu Recht als „Woodstock im Spreewald“ bezeichnet. Dort spielte alles, was in der Free Jazz-Szene Rang und Namen hatte. Die Konzerte entwickelten sich teilweise zu regelrechten Happenings, was auch an den Tausenden Fans lag, die aus der ganzen Republik angereist kamen.

Zurück zu Krug. Der hatte 1976 wie etliche andere DDR-Künstler gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert, weswegen er als Schauspieler keine Aufträge mehr bekam. Auch etliche Konzerte Ihrer 1977er-Tournee wurden abgesagt. Wie man im CD-Booklet nachlesen kann, hat ein Stasi-IM der Bezirksverwaltung Rostock Krugs Auftritt in Wismar hübsch mitprotokolliert. War es für Sie offensichtlich, dass Sie als Band voll im Visier der staatlichen Aufpasser waren?

Zicke Vor allem gegen Ende der Tournee hatten wir schon mitgekriegt, dass die Stasi ihre Leute im Publikum platziert hatte. Die saßen da bewusst mit verschränkten Armen und haben auch nicht geklatscht. Aber wir haben uns darüber nicht übermäßig viele Gedanken gemacht. Dass die Stasi-IMs so eifrig mitgeschrieben und uns so viel Aufmerksamkeit gewidmet haben, finde ich bis heute seltsam.

Wussten Sie seinerzeit, dass Krug auf dem Absprung Richtung Westen war?

Zicke Ich kann mich nicht erinnern, dass er es preisgegeben hatte. Wir dachten ja auch, dass es nach der Tournee, obwohl die Hälfte der Konzerte abgesagt worden war, weitergehen würde. Aber nach dem letzten Konzert ging es dann doch ziemlich rasant. Eine Woche nach Wismar stellte er einen Ausreiseantrag, und wenige Wochen später war er auch schon drüben (am 20. Juni 1977 reiste Krug nach Westberlin/d.R.).

Was bedeutete das für Sie als Band?

Zicke Zunächst mal, natürlich waren wir doch irgendwie geschockt. Und nach Mannes Ausreise fielen wir als Band in eine Art Loch. Für das Fischer Quintett herrschte erst mal ein halbes Jahr lang Ruhe. Wir bekamen schlicht keine Aufträge. Letztlich blieben nur zwei Möglichkeiten: Entweder man arrangierte sich oder man ging ebenfalls rüber. Was für mich nie in Frage kam, weil ich zwei Kinder hatte und außerdem immer mal in den Westen fahren konnte. Ich war oft in Schweden, und da bekamen wir auch ab und zu Angebote von westlichen Bands, bei ihnen einzusteigen.

Hatten Sie nach der Ausreise von Manfred Krug noch Kontakt zu Ihrem ehemaligen Bandkollegen?

Zicke Ja, ab und zu. Ich konnte als Jazztrommler in den Achtzigern immer mal in Westberlin spielen und war dort häufig in Jazzclubs wie dem Quartier Latin, unter anderen mit dem Günther Fischer Jazz Quintett. Wenn wir dort auftraten, kamen alle Ostmusiker zu Besuch, die irgendwann in den Westen gegangen waren: Veronika Fischer, Klaus Lenz, Angelika Mann. Die wollten ein bisschen Heimat sehen. Auch Manne schaute vorbei, um ein wenig mit uns zu quatschen. Er war innerlich ja ein feinfühliger, heimatverbundener Mensch. Vielleicht haben wir ihm auch ein bisschen gefehlt.

Mit Wolfgang (Zicke) Schneider sprach Gunnar Leue

CD „Noch nicht ganz weg“ (Künstlerhafen)