Am Sonntag noch fand in Neuhardenberg eine Lesung zu seinen Ehren statt: Jutta Hoffmann las die Erzählung „Begräbnis einer Gräfin“. Es ist die Geschichte einer Familienüberführung von Lüneburg nach Stolpe in den 1950er-Jahren, und der hintergründige Witz, mit der die Verwicklungen der DDR-Bürokratie geschildert werden, ist typisch Wolfgang Kohlhaase. Und Kohlhaase selbst war anwesend in Neuhardenberg – es war sein letzter Auftritt.
Nun ist der Drehbuchautor, Erzähler und Nestor des ostdeutschen Films am Mittwoch, 5. Oktober, in Berlin gestorben, wie die Akademie der Künste in Berlin bekannt gab. Lange Jahre hatte Kohlhaase mit seiner Frau, der Tänzerin und Fernsehballett-Leiterin Emöke Pöstenyi, in Bad Saarow gelebt. Dem dortigen Festival Film ohne Grenzen war er verbunden, im September wurde dort noch ein Preis nach ihm benannt.

Einer der wichtigsten Drehbuchautoren deutscher Filmgeschichte

Wolfgang Kohlhaase gilt als einer der wichtigsten Drehbuchautoren der deutschen Filmgeschichte. Er hat die Bücher für mehr als 30 Filme geschrieben, darunter 1957 für Gerhard Kleins „Berlin Ecke Schönhauser“ und 1968 für Konrad Wolfs „Ich war 19“ (1968). Ein Klassiker der ostdeutschen Filmgeschichte ist „Solo Sunny“ (1980).
Auch im wiedervereinigten Deutschland war Kohlhaase erfolgreich, insbesondere in der Zusammenarbeit mit Andreas Dresden, für den er im Jahr 2005 die Prenzlauer-Berg-Romanze „Sommer vorm Balkon“ schrieb. Mit Regisseur Volker Schlöndorff arbeitete er an dem Drehbuch zum Film „Die Stille nach dem Schuss“, der im Jahr 2000 herauskam und die RAF zum Thema hat. Gemeinsam mit Eugen Ruge schrieb er das Buch für den Film „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2017). 2015 kam „Als wir träumten“ heraus.

Kohlhaase mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet

Geboren wurde Wolfgang Kohlhaase 1931 in Berlin. Bereits während der Schulzeit habe er das Schreiben für sich entdeckt, beschreibt die DEFA-Stiftung seinen Werdegang. Sein erstes verfilmtes Drehbuch sei der Jugendfilm „Die Störenfriede“ von Wolfgang Schleif gewesen. Er habe intensiv mit Gerhard Klein, Konrad Wolf und Frank Beyer zusammengearbeitet, später selbst Regie geführt. Seine Drehbücher, so beschreibt es die Stiftung online, zeichnen sich durch Lebensnähe aus. „Der Autor beobachtet genau, zeigt in den gelungensten Fällen ungeschminkte, authentische Wirklichkeiten.“
Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Deutschen Filmpreis. Seit 1972 war er Mitglied der Akademie der Künste. Vor zwölf Jahren ehrte die Deutsche Filmakademie den Wahlbrandenburger mit der „Lola“ fürs Lebenswerk. Sie lobte ihn für „seine pointierten Dialoge, unglaublich viel Wortwitz und einen herrlich lakonischen Ton.“

Kohlhaase war zuletzt beim MOZ-Talk in Frankfurt (Oder)

Bis zuletzt war Kohlhaase neugierig unterwegs, wenn es um Film und Filmgeschichte ging. Stammgast bei der Berlinale, zuletzt auch einmal Gast beim MOZ-Talk in Frankfurt (Oder), wo er über die Genauigkeit sprach, die Sprache und Schreiben erforderte – und von seiner Jugend im Frühling 1945, die ihn ein Leben lang prägen sollten.
„Es war weniger der Krieg als das Kriegsende“, erzählte der 91-Jährige. Ihm sei bewusst geworden, „es hört nichts auf, sondern es fängt etwas an“, so Kohlhaase. Dieses Gefühl der Neugier und Überraschung, das sich damals breit gemacht habe, das sei ihm bis heute geblieben.