"Die Capulets haben kleine Schniedel" steht an die Hauswand gekritzelt. Die Montagues tanzen sogar den skandalösen Gaucho-Tanz, mit dem kürzlich im echten Leben die deutsche Fußballnationalmannschaft nach dem WM-Sieg über Argentinien für Diskussionen sorgte: "Wie gehen die Capulets? Die Capulets gehen so . . ."

Die neue Inszenierung von "Romeo und Julia" ist aber durchaus nicht respektlos gegenüber dem Original, denn auch Shakespeares berühmte Liebestragödie, hier in der kraftvollen deutschen Textfassung von Thomas Brasch geboten, hat ja ihre derben Aspekte. Regisseurin Tanja Richter zeigt das Stück in jugendgerechter Weise, unter anderem mit zeitgenössischer Dance-, Hiphop- und Rockmusik untermalt. Vor allem der erste Teil changiert temporeich zwischen romantischer Tragödie, Komödie und Groteske.

Die verfeindeten Veroneser Clans Montague und Capulet sprechen den Namen der Gegenseite stets mit geräuschvollem Spucken aus. Aufeinander einzuschlagen ist so etwas wie Familiensport, und wenn sich dabei das Schwert in der aufgespannten Wäscheleine verheddert, gibt dies der Situation eine pittoresk italienische Note. Das Bühnenbild von Michael Böhler arbeitet mit einfachsten Mitteln und greift so das Wanderbühnen-Ambiente der Shakespeare-Zeit auf. Zwei im Laufe der Handlung ziemlich malträtierte Türme aus Pappe deuten die Paläste der Familien an.

Sehr gelungen sind Anja Hertkorns Kostüme. Sie kombinieren Halskrausen und gebauschte Hemdsärmel mit moderner Alltagskleidung. So wird der protzige Aufputz der Renaissance-Aristokratie zu einer Art protzigem Gangster-Rapper-Outfit von heute. Jan Schönberg gebührt schon deshalb Applaus, weil er den Part des Grafen Paris auf schwindelerregenden Plateau-High-Heels absolviert. Gerade der staksige Gang gibt der maskulinen Figur des Grafen eine brutale Note.

Dessen Gegenspieler Romeo (Johannes May) dagegen ist kein Gangster-Rapper, sondern ein sensibler Singer-Songwriter, der gefühlvoll (und tatsächlich sehr gut) zur Gitarre singt. Julia im weißen Kleid (Marlene Hoffmann) ist zwar durchaus unschuldig-mädchenhaft, aber nicht passiv, sondern eine selbstbewusste, praktisch veranlagte junge Frau. Deshalb kürzt sie die Schmachtszene am Balkon erfrischend ab. Lange Liebesschwüre sind nicht nötig. Romeos Freunde Benvolio (Friedrich Rößiger) und Mercutio (Wolfgang Tegel) agieren mit sicherem, flotten Timing, sei es im Männer-Duell oder bei der Frauen-Anmache, letzterer setzt die düstere Anzüglichkeit seiner Rolle gut um.

In Eva Kammigan haben sie allerdings eine starke Gegenspielerin. Als vor Hass brüllender, genüsslich sein blutiges Schwert ableckender Tybalt Capulet zieht die Schauspielerin die Brutalität der Familienfehde ins Groteske. Auch die Rolle von Julias Amme gibt sie mit grotesker Frauenpower und zwingt den verliebten Romeo zu einem Striptease. Das ist eine gleichzeitig grobe und zartfühlende Szene. Das kontrastierende Mit- und Durcheinander verschiedener Gefühls- und Tonlagen ist eine Stärke dieser Inszenierung.

Im zweiten Teil, in dem es auf das tragische Ende zugeht und das Gegengewicht der Komik daher wegfällt, flaut die darstellerische Spannung leider etwas ab. Aber es gibt weiter starke Momente, etwa als der bisher so leutselige Clanchef Capulet (Roland Kurzweg) seine Tochter grimmig an den Haaren über den Boden schleift, weil sie sein Hochzeitsarrangement ablehnt. Auch Lady Capulet (Hanka Mark) wendet sich mit kalter Grandezza von ihrem Kind ab.

Der gemeinsame Liebestod schließlich wird angenehm straff und ohne ein Übermaß an tragischen Verrenkungen gezeigt. Allerdings verunglückt die Szene etwas, weil Romeo seine Gitarre, auf der er dem Schicksal noch ein letztes Ständchen singen will, versehentlich Julia an den Kopf rammt. Dieses Missgeschick wird aber nach der Premiere wohl nicht noch einmal vorkommen.