ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:10 Uhr

Wo die DDR in Cottbus weiterlebt

Cottbus. In Cottbus ist die DDR an manchen Stellen nicht untergegangen. Kunstwerke oder Denkmale erinnern noch heute an das heroische Werk der Arbeiterklasse. Nach der Wende im Jahr 1989 hat es in der Stadt keinen Bildersturm gegeben. Doch 27 Jahre Vernachlässigung sind teils genauso effektiv. Peggy Kompalla

Das meterlange Relief auf dem Gelände des ehemaligen Textilkombinates Cottbus TKC ist kaum noch zu erkennen. Autos stehen davor, obwohl ein Parkverbotsschild direkt am Kunstwerk angebracht ist. Gestrüpp wuchert. Rita Numrich ist im Cottbuser Rathaus Referentin für Kunstförderung. "Es ist mit dem Fachbereich Grünwesen abgesprochen, dass das Relief freigehalten wird." Mehr könne die Stadt für das Werk leider nicht machen. Es lässt sich nicht abnehmen, was der Künstler Johannes Peschel bestätigt. "Eine Demontage würde alles zerstören", sagte der 84-jährige Dresdner vor einem Jahr gegenüber der RUNDSCHAU.

In Cottbus habe es keine Bilderstürmerei gegeben, weiß Rita Numrich. "Es ist kein Kunstwerk aus politischen Gründen verschwunden." Die Cottbuser begegneten auch Werken mit alten Überzeugungen und Symbolen mit Gelassenheit, schließlich sei es Teil der eigenen Geschichte. Genau so sieht es auch Stadthistoriker Steffen Krestin: "Wir sollten uns neue Kunst leisten und mit der alten umgehen." Dabei erwartet er nicht, dass die Stadt zum Museum wird. "Wandel ist das primäre Element unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Auch die Kunst ist dem Prozess ausgesetzt." So veränderten sich die Wege der Einwohner, werden Gebäude saniert oder neu errichtet. So geriet das Relief auf dem TKC-Gelände ins Abseits oder verschwand das Wandbild an der Fassade bei der Sanierung des BTU-Hauptgebäudes. "Ich finde es wichtig, dass möglichst viele Kunstwerke oder Denkmale erhalten werden", erklärt Krestin und fügt an: "Solange es ökonomisch vertretbar ist."

Dabei habe Cottbus großes Glück, sagt Rita Numrich. Die Stadt sei nicht mit Partei-Propaganda-Kunst überfrachtet worden. "Das haben wir dem diplomatischen Geschick von Dr. Fichte zu verdanken", betont sie. Werner Fichte war demnach bis zum Jahr 1989 einer der Stadtarchitekten von Cottbus. "Was da getrickst wurde, um die Partei ruhigzustellen", erinnert sich Rita Numrich und winkt mit einem Lachen ab. "Deshalb haben wir viele Kunstwerke, die das damalige Lebensgefühl darstellen." Dazu gehörten neben zahlreichen anderen Werken die "Sitzenden Mädchen" von Werner Stötzer oder die "Drei Grazien" von Jürgen von Woyski.

Zu DDR-Zeiten ist deutlich mehr Kunst für den öffentlichen Raum entstanden als heute. Diese Meinung vertreten Rita Numrich und Steffen Krestin gleichermaßen. "Damals war beim Neubau ein bestimmter Prozentsatz festgelegt für die Schaffung von Kunst am Bau", erklärt Krestin. Auf diese Weise seien zahlreiche Fassaden verziert worden. Genau in dem Bereich muss Cottbus durch den Rückbau mit einer hohen Verlustquote leben. "Von Horst Ring sind dadurch zwei Drittel seiner Werke verschwunden", erklärt der Historiker.

Der hoch verschuldeten Stadt fehlt das Geld für eine aufwendige Werterhaltung. Aber ein bis zwei Kunstwerke werden Rita Numrich zufolge jährlich überarbeitet. Dabei liegen auffällige Werke logischerweise im Fokus der Stadt. So wurde im vergangenen Jahr die Lehrerin in der Stadtpromenade auf ihrem Sockel gesichert und das Podest erneuert. Werke wie Rudolf Sittes Relief "Die revolutionäre Arbeiterklasse und ihr Sieg" am Punkthochhaus in der Stadtpromenade geraten dabei ins Hintertreffen. Jahrzehntelange Vernachlässigung tun ihr Übriges, und so verschwindet auch Geschichte.