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| 09:54 Uhr

Miriam Meckel
"Wir sind nicht die Krone der Schöpfung"

Die Publizistin hat sich im neuen Buch Großes vorgenommen: Die Vermessung des Gehirns. Am Sonntag spricht sie darüber in Düsseldorf.

Die Publizistin hat sich im neuen Buch Großes vorgenommen: Die Vermessung des Gehirns. Am Sonntag spricht sie darüber in Düsseldorf.

düsseldorf Ihre Bücher und ihre Reden treffen fast immer den Geist und die Fragen unserer Zeit. Diesmal hat sich Miriam Meckel dem Gehirn zugewendet, unerschrocken und offen für Veränderungen. Zu ihren Publikationen zählen unter anderem die Bestseller "Das Glück der Unerreichbarkeit" von 2007 sowie "Brief an mein Leben", in dem sie vor acht Jahren von ihren Erfahrungen mit einem Burnout erzählte. Am kommenden Sonntag wird die 50-Jährige im Central des Düsseldorfer Schauspielhaus darüber reden.

Ist ein Zwiegespräch mit dem eigenen Gehirn überhaupt möglich?

Meckel Phasenweise bestimmt. Als ich für ein Experiment 24 Stunden in der Dunkelkammer verbrachte, das war dann wirklich ein Zwiegespräch mit meinem Gehirn. Obwohl es ja eigentlich nicht geht: Denn wenn mein Gehirn Ich ist und ich dann mit ihm rede, dann leide ich entweder an einer Persönlichkeitsspaltung oder mache mir etwas vor. Und trotzdem: die Erfahrung in der Dunkelkammer war ein Selbstgespräch meiner Seele.

Diese Zeit in der Dunkelkammer liest sich in Ihrem Buch wie eine Art Psychothriller.

Meckel Ja, es war wie ein Drogentrip, nur ohne Drogen. Aber diese 24 Stunden haben mir auch gezeigt, welche Kraft das Gehirn hat, selbst in der Erschaffung von Eindrücken, die nicht da sind. Die Reizarmut führt zu Irritationen, so dass das Gehirn die optischen und akustischen Erfahrungen selbst produziert. Genau das wollte ich ganz bewusst selbst ausprobieren.

Haben Sie dabei auch Angst empfunden?

Meckel Vor dem Experiment war ich neugierig, in der Kammer aber habe ich Phasen gehabt, die wirklich nicht schön waren.

Neben dem Darkroom haben Sie auch das Gegenteil versucht - mit neurologischen Experimenten an der Universität von Boston. Wie wichtig ist das für Sie, dies alles auch am eigenen Körper, also am eigenen Gehirn zu erfahren?

Meckel Ich glaube, dass sich dadurch ein besonderer Einblick ergibt. Ich hätte ein Buch übers Gehirn schreiben können - allein auf Grundlage von Fachgesprächen und Literaturrecherchen. Das wäre auch in Ordnung. Ich glaube aber, dass sich das Thema erst vollständig erschließt, wenn man auch fühlt, welches Wunderwerk da im eigenen Kopf sitzt. Und das gelingt am besten, wenn man es einmal in nicht ganz normalen Bahnen laufen lässt. Das wollte ich gerne verstehen.

Wo kommt Gott im Gehirn vor?

Meckel Lange hat es ja die Vorstellung gegeben, dass es beim Menschen eine Trennung von Geist und Seele gäbe. Heute sieht man das ein bisschen anders. Gott ist meiner Meinung nach eine Metapher für das Metaphysische, das, was wir nicht gleich fassen oder verstehen können. Aber es ist auch die Metapher für Macht. Denn wenn nur Materie den Menschen ausmacht, dann fällt jede Begründung für Transzendenz natürlich sehr schwer. Die Macht der Kirchen wird damit in Frage gestellt. Ich finde, jeder, der glauben möchte, soll das tun. Aber bitte freiwillig.

Sind wir also nicht mehr als die Materie unserer grauen Zellen?

Meckel Was heißt nur? Wenn man sich überlegt, wie im Gehirn auf Basis von Materie und der einzigartigen Verknüpfung von Information alles entsteht, was wir erleben und was wir tun, dann finde ich das unfassbar. Irre, dass die Natur so etwas geschaffen hat. Davor habe ich genauso viel Respekt wie vor etwas Übersinnlichem, was man nicht erklären kann.

Dieses Jahrhundert könnte angesichts der Veränderungen ein Jahrhundert des Gehirns sein, sagen Sie. Aber ist das nicht nur unsere Sicht? In den Jahrhunderten davor haben die Menschen die Veränderungen wahrscheinlich ebenso stark empfunden.

Meckel Jede gegenwärtige Phase der Veränderung kommt uns Menschen besonders einschneidend vor. Was ich meine: Bislang war das Gehirn so etwas wie Aladins Wunderlampe für den Erfindergeist und den Fortschritt der Menschheit. Jetzt drehen wir den Spieß um. Das Gehirn wird selbst Eroberungszone für den nächsten Entwicklungsschub der Menschheit. Das ist ein gewaltiger Unterschied, vielleicht auch eine Grenzüberschreitung.

Warum lässt das Gehirn das zu?

Meckel Weil der Mensch dazu in der Lage ist, über sich selbst hinauszudenken und das Unvorstellbare vorstellbar zu machen. Wir erschaffen beispielsweise die Künstliche Intelligenz und fürchten gleichzeitig, dass dies der Anfang vom Ende der Menschheit sein könnte, weil sie irgendwann anfängt, für uns Entscheidungen zu treffen.

Wäre die Abschaffung des Menschen eine Art Erlösung für das Gehirn?

Meckel Das glaube ich nicht. Im Gegenteil. Es ist eher eine Entmündigung. Dann wenn unser Geist eingeht in die Ewigen Jagdgründe einer Hirncloud, der totalen Vernetzung unserer Gehirne mit der Datenwelt. Ganz ehrlich, ich bin überzeugt, dass so etwas irgendwann möglich sein kann. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern Zwischenstation zur nächsten Stufe der Evolution, in der Mensch und Maschine eins werden. Ist für Sie wahrscheinlich keine schöne Vorstellung, oder?

Was ist dann eine schöne Zukunftsvorstellung?

Meckel Zum Beispiel die Idee, das wir unsere Gehirne miteinander verbinden könnten, um gemeinsam zu denken und kreativ zu sein. Wir hätten dann immer noch zwei Gehirne, aber ein Bewusstsein. Damit könnte der Geist noch einmal in einen anderen Zustand versetzt werden. Aber das hat dann vielleicht nicht mehr viel mit uns zu tun, wie wir uns kennen.

Ist Hybris die größte Schwäche des Gehirns?

Meckel Das ist die größte Stärke und die größte Schwäche des Gehirns beziehungsweise des Menschen. Das Gehirn versucht, über sich hinauszuwachsen und gerät dabei in die Gefahr, sich selbst in Frage zu stellen.

Ist Liebe eine Auszeit fürs Gehirn?

Meckel Keine Auszeit, das Gehirn kann ebenso lieben wie es vernünftig sein kann. Eher ein spezieller Zustand. In der Liebe haben im Gehirn die Emotionen Vorfahrt. Auch das ist ein biochemischer Prozess, aber ein besonders schöner. Einfach nur im und für den Moment leben und sich ganz auf einen Menschen einlassen, ohne vorher sorgsam abzuwägen. Das ist das Tolle am Gehirn: zwischen seinen beiden Hälften und unterschiedlichen Teilen handeln wir in jeder Sekunde unser Leben neu aus. Das macht den Menschen so spannend.

LOTHAR SCHRÖDER FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)