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Willi Kronhardt und der Mittelpunkt der Erde

"Das Spiel meines Lebens":Rowohlt-Verlag,316 Seiten,12 Euro
"Das Spiel meines Lebens":Rowohlt-Verlag,316 Seiten,12 Euro FOTO: Verlag
Entscheidend ist nicht auf dem Platz, sondern im Kopf." Das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieses Buches und gleichzeitig schon die Erklärung für sein Entstehen.

Denn was der Spruch besagt:

Ein Fußballspiel in einem 25 000-Mann-Stadion hat die Macht, nicht nur eine Geschichte zu produzieren - sondern 25 000.

24 solcher Geschichten vereint "Das Spiel meines Lebens", das wie so viele Fußball-Fibeln dem großen Vorbild "Fever Pitch" von Nick Hornby nacheifert, um den Beweis anzutreten, dass Fußball manchmal so viel mehr sein kann als nur der schlichte Proletensport mit den 22 Bekloppten und dem einen Ball. Herausgeberin Julia Suchorski hat dafür eine bunte Mannschaft von Autoren zusammengestellt. Autoren, die man in diesem Buch erwartet, wie den dekorierten Sportjournalisten Ronald Reng, der in der Spielweise der FC Barcelona Gedichte zu erkennen glaubt. Bis hin zu Autoren, die man in diesem Buch nicht erwartet, wie "Zimmer frei!"-Moderatorin Christine Westermann, die sich auch gar nicht entscheiden mag zwischen dem deutschen WM-Triumph von 1954 oder dem WM-Trauma von 2006.

Erfreulich aus Lausitzer Sicht: Durch das Mitwirken des gebürtigen Cottbusers Christian Spiller darf auch der FC Energie Cottbus mitspielen in diesem Sammelsurium, das von Klassikern des Weltfußballs bis zu "Ersatzspielen von Testspielen" reicht. Auf eloquente und pointierte Weise pfeift Spiller das Schneegestöber gegen den Karlsruher SC aus dem Jahr 1997 nochmal an und lässt seine Erinnerungen auflaufen. Er beschreibt, wie er sich als mittelangesagter 14-Jähriger nach Willi Kronhardts 1:0 im Mittelpunkt der Erde wähnte, und wie Energies Emporstieg mit der Schwermut des Lausitzer Alltags Gassi ging.

Die 316 Seiten starke Lektüre ist Pathos in Reinform, die den Fußball fast schon zu wichtig nimmt. Berauschten Fußball-Romantikern wird sie trotzdem (oder gerade deswegen) jeden Leseabend versüßen. Denn wie schreibt Christian Spiller: "Fußball ist die Hülle, in die die Menschen ihre Träume stopfen. Man kann das fürchterlich profan finden, aber wohin mit den Träumen zwischen Großraumbüro, Rückenschmerzen und dem Müllrunterbringen?"