Die Sammlung offenbarte sich als das, wofür sie angelegt war: als ein Fundus künstlerisch vielschichtiger Zeitgeschichte einer ostdeutschen Region. Die Museums-Crew stellte aus diesem Bildersuchlauf eine Kollektion zusammen und zeigte sie nicht zuerst im eigenen Haus, sondern schickte sie vor einigen Monaten zur Ausstellung nach Brest in Frankreich.

Sie sind wieder zurück, die Gemälde, Fotografien und Plakate aus dem Fundus des Cottbuser Kunstmuseums (dkw) von der französischen Atlantikküste aus dem fernen Brest.

Sie lehnten schon einige Zeit, teils noch verpackt, an den Wänden des Ausstellungsraumes M 1. Jetzt sind sie gehängt in den drei großen Räumen des Maschinenhauses. Nicht unbeeinflusst von dem Bonus der Auslandspräsentation und gewachsenem Abstand zur Entstehungszeit sieht man sie mit neuem Blick.

Für den mit dem Haus vertrauten Besucher ist es ein Wiedersehen mit manch fast schon vergessenem Werk, im Guten wie im weniger Guten.

Künstlerisch fragwürdige Arbeiten wie der geradezu monströse Rückenakt von Willi Sitte sind trotz Ablagerung nicht besser geworden.

Kunst in der Zeitgeschichte

"Bildersuchlauf" ist keine Anein anderreihung künstlerischer Höhepunkte. Die Auswahl rekapituliert Kunst in der Zeitgeschichte in einem zeitlich und regional begrenzten Umfeld. Ulrike Kremeier betont im persönlichen Gespräch, dass es darum geht, "ein Spektrum relevanter Alltagsthemen und deren Repräsentationsformen einer bis dato kunstgeschichtlich wenig reflektierten Zeit, eines schwierigen politischen und sozialen Umfeldes vorzustellen".

Dazu gehört für ein Landesmuseum der Mut zur - im guten Sinne - provinziellen Beschränkung. So erst lässt sich etwas über den Alltag künstlerischen Schaffens und Wirkens in der Breite erfahren. Was die Ausstellung trotz der ausgesprochen guten, sorgsam formulierten Texte zu den Bildgruppen nur bedingt vermitteln kann, ist auch in der Rückbesinnung das Bedürfnis eines erstaunlich breiten Bevölkerungskreises zu DDR-Zeiten nach Kunst - ein Bedürfnis, was politisch in vorgeschriebenen ideologischen Bahnen propagiert, aber, erst einmal geweckt, schließlich gefürchtet wurde. Kunst war nicht elitär, sie war Ärgernis und Hoffnung in einem.

"Gegenkultur", "Arbeit", "Stadt" und "Privatsphäre" sind die Themenbereiche der Ausstellung. Die Bereiche lassen sich nicht unbedingt trennen. So verzahnen sich "Arbeit" und "Stadt" wie auch "Gegenkultur", die eigentlich in der Endphase der DDR prägend wird. Nonfiguratives ist ausgeklammert.

Wer den Rundgang beginnt, findet sich mit der "Gegenkultur" bereits am Ende.

So wird alles Kommende zum Rückblick und die Gegenkultur eine noch pulsierende Brücke zur Gegenwart. Geradezu schändlich ist allerdings die Verbannung so herrlich bissiger Plakate von Butzmann und Bofinger auf die schwer einsehbaren Rückwände von M 1.

Bei der "Arbeit" gibt es ein Wiedersehen mit den auch zu Entstehungszeiten nicht unumstrittenen Brigadebildern von Brendel und Dressler, bei denen man auf die Porträts achten sollte.



Wie bieder, wie brav war das doch! Hier ist die Fotografie ja unumstritten revolutionärer, zupackender, aufrüttelnder, entlarvender. Fotografie und Malerei mischen sich inhaltlich korrespondierend in den Räumen. Durch diese kluge Hängung demonstriert die Ausstellung prägnant den generellen Unterschied von Fotografie und Malerei - der schnelle, entscheidende Zugriff und die reflektierende, in Form gebrachte Auseinandersetzung.

Bewegter wird es im Themenraum "Stadt". Unübersehbar Uwe Pfeiffers hypersachliche Plattenbau-Romantik in ostmoderner neuer Sachlichkeit und Ulrich Wüst' bissig ironische Fotografien.

In der "Privatsphäre" berührt neben Theodor Rosenhauers nobel schlichtem Stillleben immer wieder Doris Zieglers Gruppenbildnis, ein privates Brigadebild, unangestrengt stille, aber umso eindringlichere Kritik.

Gute Entscheidung

Zwingend zum Kontext dieser Ausstellung, wann auch immer, wäre der differenzierte Blick auf Leben und Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers jener Zeit aus der Region. Erst das Individuelle profiliert das Allgemeine. Ein treffendes Beispiel und weit über die Region bedeutsam gerade in der "Gegenkultur" war im Museum mit Hans Scheuerecker langfristig vorbereitet worden, ist jedoch gescheitert (LR berichtete). Dafür hängt jetzt der "Bildersuchlauf", eine kurzfristige, aber gute Entscheidung. Die ältere Generation dankt es. Die jüngere sollte die angebotenen Führungen annehmen. Zeit und Werke sind spannender als gedacht.

Zum Thema:
Gut 120 Werke von 48 Künstlerinnen und Künstlern der DDR aus den Jahren 1950 bis 1989 umfasst die Ausstellung, die größtenteils in gleicher Weise im Zentrum für zeitgenössische Kunst in Brest/ Frankreich im Frühling dieses Jahres bei breitem Publikumsinteresse gezeigt wurde.Geöffnet bis 5. Januar 2014, Die. bis So. 10 bis18 Uhr. Führungen am 22. Oktober, 5., 19., 28. November und 10. Dezember um 16.30 Uhr; 10. und 24. November und 8. Dezember um 16 Uhr. Eintritt: 5 Euro