Diese Frau da im Foyer des Palast-Theaters - ist das wirklich Heidi Ullrich? Ganz Görlitz kennt die Zeitungsverkäuferin aus einem Einkaufszentrum in der City nur mit Schirmmütze und grünem T-Shirt. Heute Abend hat sie sich hübsch gemacht - im zum Knoten gesteckten Haar leuchtet sogar eine rote Blume. Schließlich ist dies ein außergewöhnlicher Abend für Heidi Ullrich: Heute will sie sich auf der großen Leinwand des größten Kinos am Ort betrachten. Als Blumenfrau verkauft sie dem verliebten Schüler Michael - gespielt von David Kross - eine rote Rose. Vor über einem Jahr war die Lausitzerin für den "Vorleser" vom Fleck weg gecastet worden - nun will sie gemeinsam mit rund 300 anderen geladenen Gästen sehen, wie das Team um Stephen Daldry sie, die vielen anderen Görlitzer Kleindarsteller und vor allem ihre Stadt in Szene gesetzt hat. Doch der Filmstart zieht sich hin. Auf dem roten Teppich vor dem größten Kino der Stadt sonnt man sich im Blitzlichtgewitter. Hauptdarsteller David Kross hat wegen einer Erkrankung absagen müssen - aber auch die beiden Jungschauspieler Volker Bruch und Vijessna Ferkich werden von den Autogrammjägern jubelnd empfangen. Wohl jeder Görlitzer erinnert sich in dieser Stunde an das besondere Flair, das während der Dreharbeiten über der Stadt lag: an die Spannung, vielleicht einen Blick auf die Szenerie oder gar einen der Darsteller zu erhaschen, an den Stolz, dass sich Hollywood nach der Jules-Vernes-Verfilmung ein paar Jahre zuvor erneut Görlitz als Filmkulisse ausersehen hatte. Jeder kannte plötzlich die aufrüttelnde Geschichte vom Schüler Michael Berg, der sich in den 50er-Jahren in die deutlich ältere Hanna Schmitz verliebt und erst viele Jahre später hinter ihr furchtbares Geheimnis kommt - und viele wollten damals dabei sein, als dieser "Vorleser" verfilmt wurde.Heidi Ullrich war es gelungen. Jetzt sitzt sie im weichen Kinosessel und sieht, wie sich verschiedene Orte ihrer Stadt zum Neustadt der Nachkriegszeit zusammenfügen. Sie lauscht den Geschichten, die Michael seiner Geliebten immer wieder vorliest und trauert mit ihm, als er eines Tages ihre Wohnung leer vorfindet: Hanna ist weggezogen, ohne sich zu verabschieden. Ein paar Jahre später trifft er sie im Gerichtssaal wieder - als KZ-Aufseherin des hundertfachen Mordes angeklagt. Obwohl es Mittäterinnen gibt, nimmt sie die Hauptschuld allein auf sich - und das nur, um ihr Geheimnis nicht preisgeben zu müssen. "Das war einer der berührendsten Augenblicke im Film - da hatte ich Gänsehaut", gesteht später Sabine Emmrich, die auch in der Hoffnung zur Premierenfeier gekommen war, ihre Tochter zu entdecken, die am Set Kleindarstellerin war. "Kann sein, ich hab sie am Anfang ganz kurz in der Straßenbahn gesehen" - das wird die Ingenieurin später zu Hause klären.Für Heidi Ullrich dagegen schließt sich der Vorhang mit einer Enttäuschung: Ihre Marktszene wurde komplett herausgeschnitten. Traurig sei sie dennoch nicht, sagt sie später in eine Kamera des MDR-Fernsehens: Görlitz habe sich toll präsentiert und erneut als Filmstadt empfohlen - man hört, dass schon wieder neue Projekte in Arbeit sind. Vielleicht klappt es dann mit dem großen Auftritt?