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| 01:00 Uhr

Wieder da, immer noch ein Star

Wenn’s am Schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören. Der Musiker Marius Müller-Wes ternhagen hatte diese Regel 1999 beherzigt. Von Gunnar Leue

Nachdem er mit seinem knödeligen Kneipenrock in den Neunzigerjahren zum erfolgreichsten deutschen Rockmusiker aufgestiegen war, sollten am Ende des Jahrzehnts die Funken zu Wunderkerzenliedern wie "Freiheit" bei Livekonzerten für immer verlöschen.
Das rührte die Fans wenigstens so wie den Star selbst. Doch was will man machen, wenn der Künstler mental in der Krise steckt und sich vom Erfolg zu langweilen beginnt: "Es war nicht mehr der richtige Kick da, keine Leidenschaft, keine Leidensbereitschaft", ließ er wissen. Er habe sich nicht mehr frei gefühlt.
Seine Abschiedstournee durch die großen Stadien bedeutete kein Ende der Musikerkarriere. Westernhagen produzierte weiter Platten, allerdings verabschiedete er sich dabei stilistisch vom Stadionrock. Vor allem auf seinem aktuellen Album "Nahaufnahme" präsentiert er sich als introvertierter Künstler, der in fast schon narzistischer Weise seine Gefühlswelt auslotet. Seelenstrip statt Kneipenrock sozusagen. Dass damit nicht alle Westernhagen-Fans etwas anfangen können, zeigte sich auch am Sonntag, als der 56-Jährige zum ersten seiner zwei Berliner Konzerte die Bühne der Max-Schmeling-Halle betrat.
Gleich nach seinem offenbar wieder programmatischen Alt-Hit "Es geht mir gut" verkündete er den Ablauf des Abends. Es würde viele ältere Songs geben, starker Jubel, und einige neue, gedämpfter Jubel. Weil Westernhagen diese Reaktion wohl erwartet hatte, versprach er: "Wenn ihr eure Herzen und Ohren öffnet, werden wir alle zusammen einen wunderbaren Abend erleben!" Die krakeelte Antwort eines unsentimentalen Zuschauers "Hör auf zu quatschen, singe endlich!" dürfte zwar aus der Aufzeichnung für die Live-DVD herausgeschnitten werden. Nichtsdestotrotz folgte der Musiker dem Wunsche und sang, allerdings auch die neuen Songs.
In einer Art Mischung aus rustikaler Nostalgie und Gediegenheit präsentierte sich das Bühnenbild nach Öffnen des Vorhangs. Überall standen altmodische Fernseher und Barhocker, auf denen sich Wes ternhagen gern niederließ. Die Videowall war wie eine alte Kinoleinwand verkleidet, vor der einmal gar eine Ballerina im roten Kleid tanzte, während der in feines Tuch gekleidete Sänger "Du entkommst mir nicht" vortrug; ein Lied über die bitterbösen Egogefühle eines verlassenen Mannes.
Obwohl gerade die ruhigen, nachdenklichen Songs des neuen Albums das exzellente Können der Bandmusiker offenbaren, ist unverkennbar, wie das Publikum nach den alten Gassenhauern lechzt. Sofort schwillt der Jubel um etliche Dezibel an, als der "Pfefferminzprinz" über die Bühne jagt und zum Klassiker "Sexy" nebenher sogar ein GoGo-Girl aufbietet. Die alte Schunkelballade "Johnny Walker" intoniert Westerhagen dagegen in kleiner Unplugged-Runde zünftig vom Barhocker aus.
Doch nicht nur die Stimmung des Publikums wogt bei den alten Hits besonders auf, auch die Gefühle in Westernhagen. "Fassungslos" genießt er die Huldigung der Zehntausend, bis ihn bei der eigenen Liedzeile "Bin wieder da/ immer noch ein Star" angesichts der Begeisterung die Ergriffenheit übermannt. Ein ehrlicher intimer Moment, der durch geschickte Kameraführung auf der riesigen Leinwand auch ja festgehalten wird und so ein wenig in kalkulierte Rührseligkeit abdriftet.
Nun ja, Tränen lügen nicht und schließlich handelt es sich hier um eine medial für die Ewigkeit festgehaltene Comebackshow. An deren Ende singt der ganze Saal "Freiheit" und es scheint, als habe Westernhagen die seine wiedergefunden.