Eigentlich war es schon längst aufgegeben, das Neue Schloss. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurden durch Kampfhandlungen die Gebäude des Schlosskomplexes schwer beschädigt. Nur das Kavaliershaus hatte die Kriegswirren halbwegs unbeschadet überstanden.

Als der Krieg gerade zu Ende war und jeder hoffte, es würde endlich kein Zerstören mehr geben, brannte das Neue Schloss beinahe bis auf die Grundmauern und das Kellergewölbe ab. Alles Brennbare wurde Opfer der Flammen. Brandstiftung verwandelte es in eine Ruine, die wie ein Skelett anmutete.

Auf einmal eine Alternative

Sein Schicksal schien in DDR-Zeiten besiegelt. Niemand glaubte daran, dass das Neue Schloss einmal wieder glanzvoll wie der mythische Feuervogel Phönix aus der Asche aufsteigen würde. Zwar zog es manchen Romantiker gern zur Ruine. Ihr nahe zu kommen, wurde allerdings immer gefährlicher.

"Es bestand akuter Handlungsbedarf", erinnert sich der Bautzener Niederlassungsleiter des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement, Norbert Seibt. Er hatte 1992 die Verantwortung für die bauliche Sicherung der Ruine des Neuen Schlosses übernommen, als der Muskauer Park auf deutscher Seite aus städtischem Eigentum in die Hände des Landes Sachsen überging. Während er bewundernd die aufwendig rekonstruierte Stuckdecke im wiedererstandenen Rittersaal betrachtet, erzählt er, wie alles angefangen hatte, vor fast 20 Jahren. "Damals hätten höchstens ein paar überschwängliche Enthusiasten darauf getippt, dass das Pücklersche Muskau einmal zum Weltkulturerbe zählen sollte", sagt er.

Sein Team hatte erst einmal andere Sorgen. "Zunächst ging es darum, die noch vorhandene historische Bausubstanz zu erhalten und nicht weiter Wind und Wetter preiszugeben. Und die Ruine musste gesichert werden, um Gefahr für Leib und Leben abzuwenden. Er kann sich noch genau erinnern, wie er von einem Riesenkran aus den Zustand der Ruine betrachtet hatte: "Von oben wurde das ganze Ausmaß der Zerstörung erst sichtbar", erzählt der 58-Jährige. "Ruinensicherung wurde zum geflügelten Wort."

Die Schlossanlage musste vom Schutt befreit werden. Reste der eingestürzten Wände und Decken lagen teils bedrohlich auf dem Gewölbe, dessen Tragfähigkeit nicht weiter strapaziert werden konnte. Und es wurden Vorkehrungen getroffen, die noch größtenteils intakte Kellerdecke zu stützen. "Irgendjemand kam auf die Idee, alte Autoreifen auszulegen, um Schaden durch eventuellen Durchschlag zu verhindern", weiß er noch heute.

Mit der Versiegelung der sogenannten Mauerkrone war die Notsicherung 1993 abgeschlossen. Aber ernüchtert stellte das Team fest: Eine sichere Ruine war das noch lange nicht. "Das war der Moment, als wir begannen, über Alternativen nachzudenken", setzt Seibt eine Zäsur. Einerseits konnte die Ruine weiter gesichert werden. Andererseits begann da ein vager Traum zu wachsen. Der freilich durch nüchterne Zahlen untersetzt werden musste.

Also sollten die Zahlen sprechen. Ein wirtschaftlicher Vergleich ergab, dass der Unterhalt der Ruine auf Jahre gerechnet einen erheblichen Aufwand bedeutete. Wenn sie aber unter die Haube käme, wieder Dach, Wände und Decken erhielte, wäre das tatsächlich kostengünstiger als Sicherung und Unterhalt der Ruine, wiesen die Wirtschaftsexperten nach und ließen wohl dabei auch ein wenig ihr Herz sprechen.

"Und so ermöglichten letztlich nicht in erster Linie die Idealisten, sondern die Realisten die Verwirklichung eines Traumes", verrät Seibt. Um den Jahreswechsel 1993/94 begann etwas, was seitens der Stiftung "Fürst-Pückler-Park Bad Muskau" nie vorgesehen war, dann aber gemeinsam mit der Denkmalpflege kräftig unterstützt wurde. "Wir durften fortan nicht nur die Mauerkrone sanieren, sondern das ganze Schloss neu entdecken. Eine Entscheidung aus wirtschaftlicher Vernunft, die uns und natürlich alle Verehrer des Parks glücklich gemacht hat", kommentiert der aus der Oberlausitz stammende Ingenieur.

Aus alten Dokumenten erfuhr das sächsische Sanierungsteam, dass das Schlossdach vor dem Brand mit reichlich Zierrat und Gauben versehen war. Diese aber wurden beim Wiederaufbau in erster Instanz nicht genehmigt. Wieder wurde die Vernunft angerufen. Und es stellte sich heraus: Ein nachträglicher Einbau der Schmuckelemente wäre ein weitaus teureres Unterfangen. "Das rief den Ehrgeiz der Bauleute um den Architekten Anton Spindler aufs Trapez", erzählt Seibt, während er zufrieden und doch mit etwas Wehmut auf die fertige Dachlandschaft deutet. Vom Turm aus können Besucher inzwischen sogar wieder einen herrlichen Blick auf den Park genießen.

Die Schlossfassade strahlt wie in den 1920er-Jahren zwischen den hell abgesetzten Fenstern karminrot. Zu Pücklers Zeiten war sie noch in ockergelben Tönen gehalten. 2012 soll die Fassadengestaltung abgeschlossen sein.

Im Inneren sind es vor allem der rekonstruierte Rittersaal und das Arbeitszimmer Pücklers, die noch an die Gestaltung zur Pücklerzeit erinnern. Als Standesherr von Muskau hatte der Graf (später) Fürst Hermann von Pückler-Muskau 1815 begonnen, den Park anzulegen. Viele seiner hochfliegenden Pläne zum Umbau des Schlosses aber musste er aus finanzieller Vernunft zu den Akten legen.

Seit 2008 ist das Neue Schloss nun auch wieder öffentlich zugänglich. Der Südflügel dient über zwei Etagen der Erinnerung. In der Dauerausstellung lässt sich sogar eine verrückte Fahrt durch Pücklers Gartentraum erleben. Nach der Sanierung des Nordflügels ist dort die sogenannte Muskauer Schule eingezogen, eine Aus- und Weiterbildungsstätte für Landschaftsgestalter. Räume und Treppen erstrahlen im neuen Glanz, bewahren auch noch vereinzelt Spuren der Vergangenheit. Noch nicht ganz fertig ist der Festsaalflügel. 2013, so erklärt Norbert Seibt mit einem lachenden und einem weinenden Auge, soll die Sanierung abgeschlossen sein.

Nicht allein durch Magie

Davor aber gibt es noch viele Herausforderungen. Während weiter an der Wiederauferstehung des Schlosses gearbeitet wird, geht es gleichzeitig darum, es mit Leben zu füllen. "Die Parkbesucher sollten das wiedererstandene Schloss schon in Besitz nehmen, aber gleichzeitig nicht spüren, dass am Westflügel noch gebaut wird. Auf den ersten Blick eine unlösbare Aufgabe", erklärt Norbert Seibt. Der Schlossteich lag ja dazwischen. Wie konnte er überwunden werden? Eine Pontonbrücke erwies sich als zu teuer. Warum nicht einen Damm durch den Teich ziehen? Und so kam es dazu, dass mitten durch den Schlossteich eine Straße führt, die die Baustelle auf kurzem Wege erschließt und sie doch vor den Parkbesuchern weitgehend verbirgt.

Noch viele solcher Geschichten kann er erzählen. Zum Beispiel, wie ihnen im vergangenen Jahr im Keller das Wasser bis zu den Knien stand und plötzlich Hochwasserschutz alles andere in den Hintergrund rückte.

Reichlich 25 Millionen Euro wird die Wiedergeburt des Neuen Schlosses, finanziert durch Bund und Land, kosten. Ein Phönix steigt eben heutzutage nicht allein durch Magie aus der Asche.

Der QR-Code führt Sie zu einem Video über die aktuelle Ausstellung "Pückler! Pückler? Einfach nicht zu fassen" im Schloss Bad Muskau.

Zum Thema:

HistorischMithilfe des Architekten Karl Friedrich Schinkel plante Fürst Pückler, das Neue Schloss zum repräsentativen Zentrum seiner Gartenlandschaft zu erheben. Mit dem Alten Schloss und dem Theater (späteres Moorbad) sollte es über Arkadenbögen zu einem riesigen Gebäudekomplex verschmelzen - ein stilistischer Mix aus Klassizismus, Gotik und Renaissance. Doch aus Geldmangel wurde leider nichts aus der "Muskauer Akropolis". Stattdessen gab Pücklers Nachfolger, der Prinz der Niederlande, dem Bau ein Aussehen im Stile der Neorenaissance. 1945 zerstörte Brandstiftung das Schloss. Die Ruine überdauerte, bis nach der Wende die Restaurierung begonnen wurde, die spektakuläre Wiedergeburt einer Schönheit. Der Bau weist mehrere Besonderheiten auf, die baugeschichtlichen Ursprungs sind. Zu nennen sind die an beiden Seitenflügeln nach Osten zeigenden Turmstümpfe. Sie erinnern zwar an ehemalige Türme, wurden aber von Anfang an als Balkone errichtet. Der Nordflügel fügt sich nicht rechtwinklig in das Gesamtbauwerk ein und die beiden Seitenflügel sind ungleich breit. Die Ursachen dafür liegen in der Nutzung der Fundamente der Bauten der mittelalterlichen Wasserburg und des Renaissanceschlosses.